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NW deckt auf: Arminia-Weihnachtsmänner und Edeka-Hohlkörper

Redaktionsbesprechung in der Niedernstrasse: Themenvorschläge für die nächste Ausgabe werden besprochen, Leerstand bei den Geschäften, Katastrophale Haushaltslage, Bahnhofsviertel, Preispolitik der Stadtwerke, Mall im Wilhelmstrassenkarree. Thomas Seim erhebt die Faust und lässt sie donnernd auf die Tischplatte krachen, dann wischt er alle vor ihm liegenden Papiere vom Tisch: „So geht das nicht meine Damen und Herren,“ brüllt er die erschrocken zusammen zuckende Schar der Redakteure und Redakteurinnen an. „Wir haben in dieser Stadt ein Problem von geradezu existenzieller Bedeutung für Bielefeld und für die in dieser Stadt lebenden Menschen, – und sie kommen mir mit diesen Kinkerlitzchen. Ich will morgen in meiner Zeitung einen gut recherchierten Bericht über die unverkauften Schokoladen-Weihnachtsmänner sehen!“

Sofort machen sich Ralf Mischer, Carolin Gegelski, Text und Sandra Sanchez und A. Zobe, Fotos, ans grausame Werk. Und so erfahren die Leser des bunten Blattes aus Sennestadt am nächsten Morgen, was sie eigentlich nie wissen wollten: Die Galeria Kaufhof hat noch 20 Arminia-Weihnachtsmänner. Bei Edeka ist das Thema derart brisant, dass sich ein echter Aufsichtsratsvorsitzender der „Schokladenhohlkörper“ annimmt. Karstadt hat mit Kit-Kat und Smarties gefüllte Nikoläuse von drei Euro auf 1,50 reduziert.

Nachdem man nun die grossen der Branche alle schön brav genannt hat und auch noch geschickt ein paar Markenartikelnamen hat einfliessen lassen, kommt auch noch ein Bielefelder Konditor zu Wort. Allerdings kennt man dessen Namen nicht so ganz genau. Da wird aus Kraume schon mal Kaume, naja, was soll’s, nicht interessant, kaum Werbeetat.

Die Leserin, der Leser wendet sich mit Grausen. War doch alles schon bekann:, Weihnachtsmänner bei Arminia und Hohlkörper bei Edeka sind ja nun wirklich keine Neuigkeiten.

Danke für die Glückwünsche zum Jahreswechsel:-(

Eigentlich wollten wir vornehm zum Aufmacher unseres größten Boulevardblattes aus Niedernstraße und Senne am Montag schweigen. „Sie können halt nicht anders“, dachten wir noch. Wenn uns nicht draußen im Outback vor den Toren der Glitzermetropole eine üble Schleichwerbe in die Hände gefallen wäre. „Hach“, denkt man so, „die Gemeinde tut mal was in Kultur und bringt einen Veranstaltungskalender…“

… blätterst durch und liest das Grußwort von Bürgermeister Besser, bis man zur letzten Seite kommt, die extra zum Abriß perforiert ist und findest den Bestellzettel des bekanntlich mit der NW verbandelten „Haller Kreisblatt“.

Und schon landet es mit gezieltem Wurf im Rundordner. Nach dem gescheiterten Versuch „in Messe“ zu machen, den Besuchen der Schulen, um Abonnements zu keilen und dem Anspruch „die Geschichtenerzähler von OWL“ sein zu wollen geht einem die Aufdringlichkeit der roten Kappen langsam auf den Senkel. Dabei gibt es in diesem Gemeinwesen und drumherum so viele Themen, die aufzugreifen wären. Und das sind ganz sicher nicht die Bilder von verunfallten Autos und bei Bränden auf dem Nachbardach lauernden rasenden Reportern. Das konnte der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch schon in den zwanziger Jahren den vorigen Jahrhundert wesentlich besser.

Kurt Tucholsky hat 1921 in seiner Schrift „Presse und Realität“ gesagt:

Der Redakteur bekommt mit der Zeit den Größenwahn. Besonders der beschränkte, der nicht sieht, dass er nur Handwerkszeug Größerer, hinter ihm Stehender ist. Er hat im Laufe der Jahre gelernt, dass das, was er nicht drucken läßt, für Hunderttausende nicht existiert – dass das, was er den Leuten mit der Papageientaktik in die Köpfe lärmt, für sie im Mittelpunkt der Erde steht. Er wird also immer mehr auf die Wirkung als auf die Wirklichkeit sehen.

Der Leser vertraut der Presse blind, weil ihn seine Zeitung ja nicht über ihr eignes Wesen aufklärt, und weil eine andere Einwirkung auf die Öffentlichkeit gegen die Presse nur sehr, sehr schwer ist.

Endlich wissen wir auch das

Ach, deshalb auch die vielen Bilder von zerquetschten Autos, Traktoren, die Autos überrollen, Polizisten in Kampfanzügen, Feuerwehrleuten, die gegen den Brandanschlag kämpfen, Journalistenstaffeln, die im NW-Marathon mitkeuchen und ganz oben drauf Heidi HP´s journalistische Schmankerl von den Adabeis?

Initiative „Bloß keine Kritik“

Schielsker Glück

Hej, unsere größte Gazette in der größten Stadt zwischen Hannover und Hamm hat sehr auffällig eine Stadtumarmungskampagne gestartet. Egal ob unser PR-Wunder Heidi H-P über den „wundervollen“ Markt vorm Rathaus oder blühendes Grünzeugs auf dem Mittelstreifen des Niederwalls schreibt: Eitel Sonnenschein, Lob und Jubel über die weise Entscheidung der Rathausführung, den ehemaligen Kessel-brinkmarkt vor ihre Tore zu ziehen. Jetzt können die „rund 1000 Mitarbeiter der Verwaltung endlich ihr belegtes Brötchen auf dem Markt kaufen“. War denen der Pollmeier an der Ecke zu popelig?

Silvia Tetmeyer vom Lokalen ist extra nach Schielske rausgeschickt worden, die dortigen Jubelschreie der Kaufmannschaft zu notieren, die Tonnen Asphalt zu erfassen, den Seekrug-Wirt extra noch mal den Bauarbeitern ein Lob aussprechen zu lassen und Jubel, Jubel, Jubel einzufangen. Alles Gemosere über die Bauarbeiten, die ständigen Aufrisse usw. vergessen?

Würde ja auch nicht zum Gemischtwarenhändler mit Senner Altpapierbedruckung passen. Oder? Müssen wir unkritisch mitjubeln?

War da nicht was mit „Partyeinladung“?

Eine hiesige facebook-Nutzerin glaubt sich an einen Satz auf der anscheinend unverzichtbaren Selbstdarstellungs- und „Freunde“-Plattform facebook zu erinnern, der sinngemäß lautete: „Du hast Geburtstag. Lade Deine Freunde zu Deiner Party ein“. Nun gut. Manche haben ja schwupsdiwupps tausende von „Freunden“. Wer mag, gerne. Heute befasst sich die größte Gazette der Stadt mit dem Internet-Phänomen und beweist, warum letztlich Zeitungen, facebook und das Internet nie wirkliche Freunde werden können. Deshalb hört einfach auf, wie die Hysteriker auf jede aus dem Ruder gelaufene Ansammlung von Polizei zu dramatisieren.

Letztlich steckt dahinter nichts anderes als die Verteufelung des letzten einigermassen demokratischen Mediums. Das mag jetzt ziemlich überrissen klingen, aber diskutieren sie mal mit den tradierten „Bewahrern von Anstand, Sitte und Moral“. Oder gar mit der wortgewaltigen Margot Käßmann. Die hält nämlich „Zeitungen für unersetzlich und eröffneten im Gegensatz zu virtuellen Communities Zugang zur wirklichen Gemeinschaft“. Klar. Die tausendfachen Abbildungen von zerquetschten Autos, hysterische Aufmacher mit Tendenz und die Bilder jubelnder Schützenumzüge neben Todesanzeigen, Gemüsewerbung und seitenlange Tabellenstände unterer Spielklassen sind nun mal die „Wirklichkeit“. BILD Dir Deine Meinung, Margot.

Da ist mir die Einstellung „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ schon lieber. Im Gegensatz zu gleichgeschalteten Zeitungen ist da facebook doch wohl eher neben Twitter ein Medium, das Menschen gegen Despoten aufbegehren lässt. Aber vielleicht ist das ja in einer Kirche, der die Menschen weglaufen gar nicht so gern gesehen? Mit neuen Medien haben es die Glaubensvertreter schon immer recht schwer gehabt.

Freier Freitag wird „Arbeitskampf auf dem Rücken der Leser“

Erscheinen künftig vielleicht als Notausgaben - Ostwestfalens Zeitungen

Die Zeitungslektüre an ostwestfälischen Frühstückstischen wird am morgigen Samstag wohl etwas kürzer ausfallen. Der Grund: Die Redakteure streiken am heutigen Freitag. Über das „Warum“ gibt es naturgemäß unterschiedliche Darstellungen. Glaubt man der Gewerkschaft Verdi, tun sie dies nicht, weil sie 3 oder 4 Prozent mehr Gehalt kassieren wollen, sondern weil sie sich gegen eine Reduzierung ihrer Bezüge von bis zu 30 Prozent und einen Tarifvertrag zweiter Klasse für Berufseinsteiger und Verlagswechsler wehren.

Das stellt der Bundesverband deutscher Zeitungsverleger auf seiner Website wiederum anders dar: Es gehe zur Sicherung von Arbeitsplätzen um eine „moderate Reform der bestehenden Tarifverträge“, heißt es. Und: Verdi und DJV würden sich einzig darauf konzentrierten, „die Forderungen der Verleger völlig verzerrt darzustellen“. Dazu, wie diese Forderungen denn nun wirklich aussehen, wird in der Top-Schlagzeile der Website jedoch keine Angabe gemacht.

Fest steht in jedem Fall, dass auch die vierte Verhandlungsrunde zur Neuauflage/Gestaltung des  aufgekündigten Manteltarifvertrags für die bundesweit rund 14.000 Tageszeitungsredakteure  bereits am 4. Mai ergebnislos abgebrochen wurde. Ein neuer Termin steht bislang noch nicht fest. Solange spricht BDZV-Verhandlungsführer Werner Hundhausen von einem „unnötigen Arbeitskampf“, den die Gewerkschaften „auf dem Rücken der Anzeigenkunden und Leser“ austragen.

Nach einer kurzfristigen Lösung sieht es also nicht gerade aus. Vielleicht müssen sich die Leser darauf einstellen, demnächst an dem ein oder anderen Morgen eine dünnere Zeitung im Briefkasten zu haben.

 

die vierte Verhandlungsrunde für die bundesweit rund 14.000 Redakteurinnen und Redakteure an Tageszeitungen ist ohne Ergebnis geblieben

Blogger Fußvolk?

Jürgen Vielmeier stört, dass klassische Medien wie „Focus“, „FAZ“ oder dpa zwar gerne Informationen aus Blogs nutzen, ohne diese aber zu nennen. Mehr als nichtssagende Formulierungen wie „ein IT-Blog“ oder ein „amerikanischer Internet-Blogger“ sind kaum drin. Blogger werden behandelt „wie das Fußvolk, dessen Arbeit man nutzen kann, ohne sie zu honorieren“. Quelle: Basic Thinking Blog

Na ja. Wie das „Fußvolk“ fühlen wir uns aber nicht. Denn: Wir lichten keine Menschen ab, die Schinkenbrote schmieren. Wir tummeln uns nicht in Anzeigenfriedhöfen. Und unsere Blogeinträge werden anderntags nicht zum Einwickeln von Fisch verwendet. Wir haben es auch nicht nötig, tagelang auf qualmenden Dächern herumzukriechen. Und wir schreiben keine Berichte, die meist nur dazu dienen, anderntags den Anzeigenkoberern die Verkaufe zu erleichtern. Wohl wissend, daß da grad jemand Geld zum Fenster des Boulevard hinauswirft. Wir erlauben uns aber, das mit über 200 Euro im Jahr bezahlte bedruckte Altpapier ein wenig kritisch zu betrachten.

… weil es in der Zeitung stand

Der Buchautor Marco von Münchhausen, ein Ur-Ur-Ur-Ahn des „Lügenbarons“ gleichen Namens, war auf Einladung der NW in der Stadthalle zu Bielefeld zu Gast und referierte über sein Buch* Dabei fiel wohl auch der Satz, warum „wir“ wissen, dass Osama bin Laden tot sein. Es „stünde in der Zeitung“.

Nun wollte ich nicht näher auf die Veranstaltung eingehen, der ich nicht beiwohnte, aber genau diesen Satz aufgreifen. Schließlich steht er ja so in der Zeitung. Folglich ist er so wahr, wie der Berichtsschreiber Mattias Tonhäuser ihn verstanden hat und zitiert.

Woher weiß die Zeitung das mit Bin Laden? Weil „dpa/AFP/ANSA/Reuters/ITAR-TASS“ und wie sie alle heißen, das ja gemeldet haben.
Frage: Waren die dabei? Antwort: Nein.
Warum schreiben sie dann so, als ob es die einzige Wahrheit wäre? Weil sie Regierungsnachrichten verbreiten.

Brechen wir das mal runter auf hiesige Verhältnisse, hiesige Zeitungen. Die bekanntlich zu ganz großen Teilen ebenfalls aus bearbeitetem Material der Agenturen bestehen, über die es bei „Wikipeda“ heißt:

Nachrichten- und Presseagenturen (nicht zu verwechseln mit Nachrichtendiensten) liefern Nachrichten, die Informationen über aktuelle Ereignisse enthalten, als vorgefertigte Meldungen für Massenmedien zur Verwendung in Zeitungen, Internetportalen und Nachrichten-sendungen. Die Presse- und Nachrichtenagenturen spielen im weltweiten Nachrichtenfluss eine zentrale Rolle. Heutiger Journalismus wäre ohne Nachrichtenagenturen kaum möglich. Über 180 Nachrichtenagenturen gibt es zurzeit weltweit; die meisten von ihnen beliefern nur den Pressemarkt ihres eigenen Landes. In Deutschland gibt es aus historischen Gründen besonders viele Presseagenturen.

Ist also der Tod von Bin Laden nun wahr, „weil er in der Zeitung stand“? Wohl kaum. Das Puzzlebild, das schnelle Medien wie TV, Radio und vor allem Internet zeichnen, zeigt letztlich nur: Keiner weiß wirklich etwas wirklich Wahres. Keiner hat wirkliche, authentische Bilder. Nahezu jeder unterliegt der Macht der Bilder, die einen in szenierten Obama am Ground Zero zeigen und vor allem einen Eindruck erzeugen sollen:

„Leute atmet auf. Der Präsident hat die Wahrheit“

Wie widersprüchlich die minutenschnell sich änderenden Meldungen der Agenturen, der Nahrichtens enden usw. wirklich sind, wird debei verdrängt. Wiederum übertragen auf lokale Verhältnisse: Das Interesse der meisten heutigen Zeitungen ist zu allererst dem wirtschaftlichen Erfolg des Verlages geschuldet. Die Reportage, das Bild, das Interview mit z.B. einem Ladeninhaber an der Obernstraße zieht wie das Amen in der Kirche den Anzeigenvertreter des Verlages auf den Plan. Man kann sicher sein, der soeben porträtierte Mensch tut genau das, was Zeitungen schon ewig tun: Er schaltet seine teure Anzeige im Blatt, das am anderen Tag zum Gemüseeinwickeln verwendet wird. Möglichst 3 mal, weil er dann Wiederholungsrabatt bekommt.

Warum tut er das? „Ich stand schließlich in der Zeitung. Da glaubt man mein schönes Angebot jetzt“.

Nun gut. Glauben wir das einfach mal. Oder? Unglaublich ist, daß es aus den „Verlagen der Wahrheit“ auch Tassen mit Logo, Rabattkarten, T-Shirts. Kalender und sonstiges „Merchandising-Material“ gibt.

Extrem glaubwürdig.

* Marco von Münchhausen