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Initiative „Bloß keine Kritik“

Schielsker Glück

Hej, unsere größte Gazette in der größten Stadt zwischen Hannover und Hamm hat sehr auffällig eine Stadtumarmungskampagne gestartet. Egal ob unser PR-Wunder Heidi H-P über den „wundervollen“ Markt vorm Rathaus oder blühendes Grünzeugs auf dem Mittelstreifen des Niederwalls schreibt: Eitel Sonnenschein, Lob und Jubel über die weise Entscheidung der Rathausführung, den ehemaligen Kessel-brinkmarkt vor ihre Tore zu ziehen. Jetzt können die „rund 1000 Mitarbeiter der Verwaltung endlich ihr belegtes Brötchen auf dem Markt kaufen“. War denen der Pollmeier an der Ecke zu popelig?

Silvia Tetmeyer vom Lokalen ist extra nach Schielske rausgeschickt worden, die dortigen Jubelschreie der Kaufmannschaft zu notieren, die Tonnen Asphalt zu erfassen, den Seekrug-Wirt extra noch mal den Bauarbeitern ein Lob aussprechen zu lassen und Jubel, Jubel, Jubel einzufangen. Alles Gemosere über die Bauarbeiten, die ständigen Aufrisse usw. vergessen?

Würde ja auch nicht zum Gemischtwarenhändler mit Senner Altpapierbedruckung passen. Oder? Müssen wir unkritisch mitjubeln?

Gurken-Siggi

Wir gingen schon ganz früh in uns. Und führten ein virtuelles Telefonat mit der Stadträtlichen Speerspitze des „Grünen an sich“. Inge „Lutterturbine“ Schulze. Sie zeigte Verständnis für unsere häufige Aufmüpfigkeit, riet uns aber zu mehr „Demut im Geiste“ mit dieser kleinen großen Metropole an der Autobahn A2, die soft übersehen werde, weil sie eben „im blitzenden Windschatten von Hamm nach Hannover“liege. „Gut“, überlegten wir uns, Inge zuliebe, „machen wir was über Gurken, Tomaten, Salat. Wo finden wir die ? Na, auf dem Freitags-Siggi, wo es an der U-Bahnrotunde aus Glas immer Markt hat.

Auf dem Weg dahin durften wir ein seltenes Phänomen beobachten. Auf dem Platz mit den im Kreis drapierten Betonsteinen – böse Zungen wie wir sagen dazu „Dem Polizeipräses sein Ting-Platz“ – leuchteten die Steine gar lieblich. Sollte man grad aus Berlin Gurken-Tomaten-Salat-Entwarnung gegeben und sich nun ganz der gemeinen Sprosse auf der Seuchenleiter widmen? Vor unserem geistigen Auge (Ampel auf der Stapenhorster war grad rot) sahen wir schon liebliche Maiden in weißen Jöllenbecker Linnengewändern Gurken/Tomaten/Salat mit Olivenöldressing in Plasteschalen nebst Plastegabeln austeilen. Die Ampel sprang um. Die Maiden weg.

Siggi empfing uns wie immer an Markttagen. Geschäftig. Gurkig. Salatig. Diese ältere Dame („I bin vo Züri weg, odder?“) hatte bereits ihr Schweizer Spezialgurkeneinkaufstäschchen über der Schulter. Gleich würde sie zuschlagen. Wie übrigens fast alle. „Natürlich essen wir Gurken. Kommen doch alle von der Gechend hier wech“. Gechend ist Babenhausen und andere Outback-Gemeinden, wo Gemüse angebaut wird.

Ein paar mußten solch eine Schmacht haben, daß sie sich gleich gierig direkt am Gemeindehaus vom Siggi auf die Scheiben stürzten. „Keine Angst vor EHEC?“ fragten wir. „Komm geh mich wech“, blubberte einer, der den Mund schon gurkig voll hatte.

Wo aber war der Holländer, wegen dessen Matjesspur wir ja eigentlich auffn Siggi wollten. „Pardon, Mijnheer“, schallte es von seitens, wo das Kehlmsser unermüdlich wehrlose Matjes ausweidete, „lekker Matjes? Wil jij proberen?“. Leider noch zu früh.

Und noch mal leider mussten wir wieder los. Es werden also Gurken, Tomaten und Salat reichlich gekauft. Nur Sprossen, da muckten die meisten. Die Rückfahrt an den heimischen Desktop gestalteten wir dann niedlich.

Warum machte dieser Baum vor der IHK eigentlich angesichts stürzender Neubauten gegenüber so ein Gesicht? Hatte man den Baudezernenten verewigt?

Dabei war doch der Gagaufsteller gegenüber dem „Rats“ angesichts der laufenden Entkernung des brandgeschädigten Lehners im Hintergrund gradezu von ostwestfälischer Komiktragik: „Josef Haydn. Die Schöpfung. An Pfingsten“

Man gönnt es der größten Stadt zwischen Hannover und Hamm. Aus vollem Herzen. Lekker die Gurke.