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Wie weiland bei Adolf

Die Stilisierung als Opfer: Seit der Opel-Krise vor zwei Jahren hat sich Guttenberg immer wieder als Anti-Politiker in Szene gesetzt, als der Unabhängige unter den Angepassten. Es ist seine Art des Populismus. Am Montagabend in Kelkheim ein ähnliches Muster, diesmal bezogen auf die Medien: Hier das Volk, dort die böse „Hauptstadtpresse“. Man müsse aufpassen, dass sich im Land nicht einige „Maßstäbe“ verschöben, sagt Guttenberg: „Dass am vergangenen Freitag das Hauptaugenmerk mit Sondersendungen und allem Pipapo auf die Fußnoten in einer ministeriellen Doktorarbeit gelegt wurde, gleichzeitig aber der Umstand, dass in Afghanistan drei Soldaten gefallen sind, zur Randnotiz verkommen ist, das ist kein Beispiel exzellenten Journalismus.“ Jubel im Saal. Am Ende sagt Guttenberg, dass er an diesem Abend in Kelkheim „Kraft getankt“ habe – für den „Zinnober“, der ihn nun wieder erwarte. Wir gegen die. Jetzt applaudieren die Leute stehend. Spiegel.online 23.02.2011

Danke, Karl-Theodor. Tiefsten Dank. Endlich ist Deutschland auch offiziell da angekommen, wo wir schon lange die Vermutung hatten: Provinzielle Bananenrepublik, wo verblendete Idioten (war gestern Abend auf hr3 im TV zu besichtigen) einem offensichtlichen Lügner, Betrüger und Lebenslaufanpasser zujubeln. Zwar geschah das im hessischen Heimatort eines gewissen Roland Koch, der das ja alles auch nicht genau nahm, aber es lässt tief blicken. Muttchen wurden mit Tränen in den Augen gezeigt, die verzückt den Ärmel des feschen Lügenbarons streichelten, verklärte Rentner im seidenen KiK-Blouson warfen IHM Kußhändchen zu, Trampeln, ekstatische Schreie. Schon mal gesehen? Klar. Anfang der dreißiger Jahre, als ein gewisser Anstreicher mit Braunhemdbewährten Schlägern um sich herum ähnlich idiotische Gesten auslöste. Schwarzweiß, Wochenschau. Statt AC/DC „Horst-Wessel-Lied“. Unterschied: Jetzt kann man das in Farbe sehen und in bestem Ton erleben und sie spielen AC/DC und den „Bayerischen Defiliermarsch“.

Geschichte wiederholt sich. Betrug ist jetzt ministrabel und befähigt zu höchsten Ämtern. Hört also auf, Ihr Pharisäer, Euch über Italien, den Kongo oder Tunesien oder Libyens Schwachmat zu echauffieren. Hier ist das sogar – gedeckt von der Regierungschefin – ganz „demokratisch“ möglich.

Und noch einmal Spiegel: Das ist die Gefahr für Guttenberg. Sollte sich herausstellen, dass er nicht nur schlampig gearbeitet hat, sondern seine Dissertation in Teilen vorsätzlich zusammengeklaut hat, dann wäre das ganze nicht mehr einfach nur unendlich peinlich für den politischen Überflieger. Dann wäre nicht mehr nur die Glaubwürdigkeit des Ministers beschädigt. Dann wäre Guttenberg ein Betrüger und müsste zurücktreten.

Zurücktreten? Der „beliebteste deutsche Politiker?“. Der „Konzernherr“? Liebe Freunde aus jenem Magazin, das ein bayerischer „Herrscher“ schon einmal Knall auf Fall „ausräuchern“ ließ. Das würde der Lügenbaron aus der tiefsten Provinz auch locker bringen. Vorher muß er aber noch Rektor, Dekan und seinen emeritierten Doktorvater von „Buyreuth“ entlassen. Zackzack, damit Muttchen und Vati was zu klatschen haben in ihrer besoffenen Blödheit. „So ein fescher Mensch. Und so ehrlich. Er verzichtet freiwillig auf seinen mühevollst erarbeiteten Doktortitel. Er benutzt nur noch goldenes Klopapier, was Stefferl-Barbie ihm bestickt hat mit AC/DC-Reimen“. Wie es eigentlich gehen muss, dokumentiert die Lippische Landeszeitung.

Gut, das ich noch nicht gefrühstückt habe.

So pragmatisch lösen Ostwestfalen Guttis Problem

Die Menschen ziemlich hoch oben im Norden von NRW gelten ja als „stur“, „wortkarg“, „pragmatisch“, „verwurzelt“. Deshalb berichten auch die hiesigen Gazetten nicht einfach nur über den „Weg von Gutti, der kein leichter sein wird“ sondern legen bereits Lösungsansätze vor. Die NW präsentiert heute auf Seite 2 mit der Karikatur von Horst Haitzinger den sozusagen „Königsweg“, auch wenn es hier nur um einen Freiherrn oder Baron oder wohl eher Raubritter (Wer weiß das so genau?) geht:

Doktorvater sofort feuern

Der Verfasser dieser Zeilen, der das Wort „Gutti“ in den eigenen vier Wänden in Anwesenheit der schöneren und besseren Hälfte nicht mehr in den Mund nehmen darf und sich mit „Baronsbrücken“ wie „Der den Betonhelm trägt“ oder „Gutti. Innocence in Danger“ („Unschuld in Gefahr“) bei der Erwähnung des ministeriellen Plagiators behilft, findet diesen NWlichen Vorchlag einfach Supi für Gutti. Das ist die Lösung und absolut in der Tradition der bisherigen politischen „Leistungen“ dieses Lieblings der Stammtische und der „Volkszeitung Nr. 1“ mit dem schmalen Hirn.

Also. Was wartet er noch 14 Tage. Wie hieß gleich noch der Doktorvater in Bayreuth? Guttis Kundus-Laudator, Johannes Baptist Kerner, soll ja schon eine große Samstagabendshow mit dem Titel „Return of a Superstar. The Durchgreifer“ in Vorbereitung haben. Die Kulisse ist diesmal südamerikanisch. Im Bildhintergrund dümpelt die Gorch Fock. Der suspendierte Käptn wird in einer breiter angelegten Showpassage mit den reaktivierten Rosi-Singers und der Bigband der Bundeswehr unter Günther Noris „geteert, gefedert und kielgeholt“. Bertelsmann-Tochter arvata, in Würzburg grade mit so ner Public Dingsbumsgeschichte grandios gescheitert – hat einen TED geschaltet. Für 1 Euro die Minute – davon 50 Cent für „Rehabilitierung gescheiterter Minister“ kan jeder anrufen und die Performance des Ministers bewerten. Dem Sieger winkt ein 14 tägiger Aufenthalt auf der Raubritterburg Guttenberg mit fränkischer Brotsuppe und Roschtbroatwürsteln unter persönlicher Kümmerung von Guttigattin Stefferl.

Grade liest man, Gutti sei heute bei Mutti. Wo war noch grade die Stasiakte der Dame? Aus der Opposition (Wozu gibt es die überhaupt noch?) sollen schon „erste Rücktrittsforderunbgen“ kommen. Ja sakra, wo kommen wir den n da hin, wenn ein MNinister wegen so einen „Lappalia“ zurücktritt? Andere sitzen heute noch ein Undeklarierten Geldkoffern, gell, Herr Schäuble? Nein, einen Rücktritt ist das nicht wert. Eher einen Vortritt. Wie sagen die Bayern doch: „A Sauhund issa ja. A kroatziger. Aber guat“ 🙁 Ein gewisser Franz-Josef Strauß hat damit ein ganzes politisches Leben überlebt.

„Wirkliche Besserung ist kaum absehbar“

Nun kommt also auch der selbst ernannte publizistische „Meinungsführer“ der Metropole aus der Deckung und zeichnet die (wenigen) Stationen der fränkischen Lichtgestalt aus der Provinz nach:

– Jesus am Times Square NY
– In besonderer Tradition des 3. Reiches: Bayreuth (Deren Uni ihn „summa cum laudete“)
– Feldherr in der Transall in Pose
– Talkshow vom Kriegsschauplatz mit TV-Dummi Kerner und umtriebiger Mediengattin Stefferl

Das ist alles? Komm, komm. Da gibt es noch Gorch Fock, Geschenke in x-facher Millionenhöhe an EADS (vor seiner bayerischen Haustür), vorschnell gefeuerte Militärs und, und, und…. Alles war bisher auch bei der NW eher eine Marginalie, Kritik fand – wenn überhaupt – eher in Blogs statt. Distanz? Warum, wenn man den politischen Papst doch praktisch greifbar vor sich hat. „Der Mann, der durchgreift“. Auch wenn es hirnrissiger Unfug war, den er da in sperriger hölzerner Sprache verbreitete.

Schließen wir dieses unsägliche Kapitel, in dem er momentan – da ähnelt er stark einem gewissen Sarrazin und dessen Gattin – von glühenden, distanzlosen und unkritischen Anhängern schon mal zum „Eigentlich Märtyrer“ hochstilisiert wird, mit den letzten Sätzen aus unserer NW-Alexandra Abrechnung mit KTzuG:

„Wirkliche Besserung ist kaum absehbar“, endet seine plagatiöse Doktorarbeit, die ausgerechnet von einem der linken Politseite eher näher stehenden Professor (Ach was, wie schäumt die Schwarze Front in der ihr eigenen konservativ-dämlichen Diktion? „Vaterlandsloser Geselle“, „Wichtigtuer“, „Mamasöhnchen“) rezensiert wurde. Es stünde den Medien, die nicht im Umkreis SpringerMohnBurdaDuMont schwimmen, gut zu Gesicht, sich zukünftig jener kritischen Distanziertheit zu bedienen, die hinterfragt, was der junge Mann mit seinen hohlen Attitüden, Plattitüden und Großkotzgesten denn da eigentlich sagen will. Die Kanzleuse – vorerst eines Konkurrenten ledig – sagt wie immer: „Det müssen wa ma abwarten“. Det ham wa och nich anders erwartet.

Halleluja. Das sind sie, unsere Politiker.