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Die Spirale

Der gedruckte Boulevard hat mal wieder eine ganz heiße Kiste. Erst gibt es Pressemeldungen der „Gewerkschaft der Polizei“:

„Polizei-Einsatz beim Fußball kostet 115 Millionen. (Und die Überstunden der „armen Kollegen“ stapeln sich bis ins Unendliche).

„Brandserie in der Bielefelder Altstadt“ (Paris und Berlin wären „froh“, es wären „nur“ Müllcontainer)

„Kaufleute planen privaten Sicherheitsdienst“ (Ach, wer ist noch mal Fan dieser Dienste?)

Alles in Allem: Futter für den Bolulevard. Viele Bilder mit betroffenen Gesichtern im Einsatz. Bürger, die in Todesangast aus der Altstadt flüchten werden sicher noch folgen.

Der Mann, den die Polizei der Stadt in U-Haft nahm, saß noch, als es wieder brannte…

Da müssen jetzt einfach privater Wachdienst mit kräftigen breitschultrigen Männern, MG im Anschlag und gepanzerte Fahrzeuge her. So wie um den Hauptbahnhof herum. Die Lage verlangt das. Gell, Herr B. und Herr C.? Spiralen haben die verdammte Eigenschaft, sich immer weiter aufzuschaukeln, wenn der Boulevard aus Sensationsgier und nicht der Berichterstattungspflicht der Presse wegen immer noch eins draufsetzt.

Stunden in Lemgo

Der Weg führte heute für Stunden in die immer noch niedliche alte Hansestadt Lemgo. Schloß Brake, Hexenbürgermeisterhaus, die Altstadt: auf den ersten Blick sieht das Weserrenaissancestädtchen scheinbar aus wie immer. Wenn da nicht die vielen leerstehenden Läden wären, die auch in der Metropole nevenden Billigstbutzen und die offensichtlich wie überall mit Döner, McDoof oder Pizzastück nebst Wasserflasche (man verdurstet ja heutzutage innerhalb Sekunden im viiiiieeelllllllllll zu warmen Deutschland) in der Hand flanierenden Menschen mit dem ziemlich leeren Blick wären. Bin ich jemand auf den Fuß getreten? Das macht nichts. So viele kann man gar nicht treten, wie leer blickend umherlaufen.

Blech im Eigenrauch


Immer wieder anrührend: Huschende Menschen, Tiere und Blech, Blech, Blech

Eigenrauch? Meint er die Bielefelder Brandfestspiele diese Woche? Nein, nein. Es steht am Wochenende die 13te „La Strada“ an. Jene Ansammlung von altem und neuem Blech. Fressereien, Trippeleien, schlagenden Motorhauben und Saufereien in der Fußgängerzone der Metropole. Wiederum arrangiert von Hans-Rudi H´s Leib- und Magenagentur Eigenrauch. Alles ist wie immer. Und so, wie man es auch in anderen Städten sieht. Aber: Auf dieses Kalauerchen, das geben wir zu, haben wir schon gewartet.

Jede Wette: Die Leute kommen und gucken. Und die Gazetten machen dann große Berichte mit bunten Bildern. Ja, so geht modernes Stadtmarketing. Mit ein bißchen Eigenrauch.

Mal sehen, wie sich im Gewühl die phallischen Sommerwürste einer Großmetzgerei in Versmold „in Leinen gereift“ machen, die jetzt in der Region als beklebte Litfaßsäule oder plakatiert mit dem ostwestfälisch-lippischen Spaßmacher R. Hoffmann überall aufdringlich die Netzhaut eregieren.

Ja, hallo erstmal!

Bagdad? BILD läßt grüßen

Das war gestern der große Tag des Jens Reichenbach. Seines Zeichens Lokalreporter bei der größten Gazette der größten Stadt zwischen Hannover und Hamm. Wo so wenig passiert – außer ARMinia-Petitessen – daß der Brand eines Dachstuhles in der Altstadt gleich seitenweise das Blättchen füllt. Mit schwerem Atemzeug muß Jens von Brandherd zu Brandherd gehastetet sein, das schwere Löschrohr nach Öffnung des Eternit-versiegelten Daches des ehemaligen Dixi-Stalles geführt haben und eigenhändig geschmierte „heiß geräucherte“ Bürenkemper-Brötchen mit Rauchschinken-Auflage von Damisch aus der Obernstraße nebenan an Helfer und Schaulustige verteilt. Nicht ohne einen Werbeflyer „NW als Erste am Löschort“ zu verteilen. Die Bilder sprechen eine deutliche Sprache und erinnern in ihrer Aussagekraft verflucht an jenes Boulevard-Altpapier mit der Ekelattitüde:


Screenshot NW. Opus 2 „Brand“

Da Jens aber noch ganz viel Raum hatte im Text- und Layoutprogramm der Zeitung, haute er noch mal Dramatisches raus. So hatte er endlich geschafft, was nicht so einfach ist: 1 Ereignis. 3 Aufmacher. Vorne drauf. Vorne im Lokalen. Dann nochmal eine Seite Vertiefung. Mit Menschen und Gasmasken. Und Hintergrund.


Screenshot NW. Opus 3 „Brand“

Spätabends, als Jens alle Brandnester aufgespürt und noch ein letztes herrliches Herforder mit den Männern der Brandwehr genippelt hatte, trat er endlich den Heimweg an. Im Wohnzimmer, als er schweres Atemgerät und Schutzkledung abgelegt hatte, inspizierte die wahrscheinliche Liebste ihren Helden:

„Schatz. Dein Bleistift riecht aber stark nach Rauch“

In wenigen Minuten halten wir ein Streichholz an Jensens mühevolle Arbeit. „Burn, Baby burn“. Ob es im Handverkauf heute mehr Auflage bringt? Wenn nicht, müssen die Bilder dramatischer werden. Vielleicht noch ein paar Crashtest-Dummies auf Reifen dabei? Stripte grad kein Mäuschen auf der Kunsthalle-Wiese? Vielleicht diente das alles aber auch nur als Umfeld für eine Bankanzeige? Irgend wer muß ja schließlich die Wiederaufbau-Kohle geben:


Wirbt im Brandgeruch. Screenshot NW. Opus 4