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Ein Rheinländer in Ostwestfalen, gefürchteter Pressekritiker

Feuersbrunst in Oerlinghausen – Zases NW-Kritik (6)

Feuer verschont das Haupthaus

So die Schlagzeile der NW, Lokalteil Oerlinghausen, vom 3. August 2010. (Ist schon zwei Tage her, bitte verzeiht mir die alte Geschichte…)

Unterzeile: „Ein Blitzschlag zerstört ## weite Teile des Rittergutes Hovedissen“

## ist zu ersetzen durch die Zahl 1902.

So berichtete die NW (vor zwei Tagen) über ein Ereignis, das vor 108 Jahren stattgefunden hat.

Tja, wo ist das Problem? Das Problem ist, dass ich die Zeitung lese, um zu erfahren, ob es gestern oder vorgestern in Oerlinghausen gebrannt hat. Ich sehe die Schlagzeile und denke: Oha, das Rittergut Hovedissen ist abgebrannt! Ist es aber in Wirklichkeit gar nicht. In Wirklichkeit steht es heute noch genau so da wie vor einer Woche.

Klar, jetzt kommt der postpostmoderne Klugscheißer umme Ecke und sagt: Ist doch sowieso alles bloß eine Erzählung, eine Wertung, ein Bild vom Bild. Was in Wirklichkeit ist, weiß kein Mensch. OK, und jetzt komm ich: Dann gib mir, lieber Postpostpost, doch bitte deine Kontonummer und deine Geheimzahl. Ich räum dein Konto leer, beklag dich nicht, ist sowieso alles nur Illusion gewesen und virtuell und völlig bedeutungslos; nimm’s einfach als Chance, ein neues Leben anzufangen! Diesmal eben eins ohne Geld.

Arminen sollen sich selber retten

NachrichtDie Regionalgruppe Detmold des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) wendet sich mit folgendem offenen Brief an OB Clausen:

Sehr geehrter Herr Clausen,

die Regionalgruppe Detmold des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat auf ihrer gestrigen Jahreshauptversammlung einstimmig beschlossen, Sie aufzufordern, den Erpressungsversuch von Wolfgang Brinkmann und der Arminia Bielefeld zurückzuweisen. Wir sehen die große Gefahr, dass jegliche Art von Beteiligung, Darlehen, Bürgschaft usw. der Stadt liquide Mittel wegnimmt, die für zahlreiche sinnvolle und imageträchtige Projekte dringend gebraucht werden (z. B. einen weiteren autofreien Sonntag, die Jugendarbeit der 54 übrigen Bielefelder Fußballvereine, die Verbesserung und Präsentation städtischer Landschaften und Grünanlagen usw.).

Wir fordern Sie auf, die über 12.000 Mitglieder des Vereins Arminia Bielefeld zu zwingen, ihren Verein selbst zu retten. Das kostet etwa 800 € pro Mitglied. Für die Vereinskultur könnte eine solche Lösung nur heilsam sein.

Mit freundlichen Grüßen 

Gerd Teuteberg-Pehle, Jens Jürgen Korff, Detlef Hommel

(Vorstand)

Schwarzes Loch am Niederwall

Per Streetview durch den Niederwall: Wo Stadttheater und Rathaus stehen, klafft ein riesiges schwarzes Loch. Vielleicht auch ein weißes. Kann mir bitte mal jemand erklären, was dieser Schildbürgerstreich mit Datenschutz zu tun hat? Darf ich jetzt auch nicht mehr das Bielefelder Rathaus fotografieren und ins Netz stellen?

Die Katze im Käfig

Katze  Röschen im Korb am Fenster
An einem sonnigen, wolkigen, windigen Frühjahrstag wurde Röschen in den Käfig gesperrt. Kurz zuvor lag sie noch ganz entspannt auf der Heizung, ließ ein Bein herunter hängen und schnurrte leise durch ihren riesigen Schnurrbart. Warum muss das sein?

Röschen wurde mit ihren beiden Geschwistern vor knapp einem Jahr in einem Gebüsch irgendwo in dem Ort Hiddenhausen nördlich von Herford geboren und dort von Mitarbeiterinnen der Tierrettung Herford gefunden. Ihre junge, schwangere Mutter hatte offenbar jemand dort ausgesetzt. Um die Kleinen zu retten, kastrieren zu lassen und in liebevolle Hände weiter zu vermitteln, sind damals von ihrer Mutter getrennt und bei meiner Frau in Pflege gegeben worden: ein kleiner Tigerkater mit dunkler Nase, ein schwarzes Kätzchen mit gelben Augen und ein getigertes Kätzchen, das kleinste der drei, dem meine Frau ihres rosigen Näschens wegen den Namen Röschen gab.

Röschen war die Scheueste der drei und hat uns am Anfang ständig angefaucht. Meine Frau gab sich besonders viel Mühe, Röschens Vertrauen zu gewinnen, und hatte es nach einem Monat geschafft: Röschen lief nicht mehr weg, sondern kaum laut schnurrend herbei, wenn meine Frau im Keller auftauchte, wo wir die drei untergebracht hatten. Leider konnten sie nicht frei im Haus herumlaufen, weil Motte, unsere alte Katze, sehr empfindlich ist gegenüber Störungen – und weil wir es gewohnt waren, unserer Motte alle Wünsche von den großen grünen Augen abzulesen.
Das Schicksal der drei Kätzchen nahm zeitweise einen dramatischen Verlauf, weil sich bei allen drei eine hartnäckige Darmentzündung monatelang hielt und die Kleinen deshalb ständig Durchfall hatten. Sie kletterten in unserem Kellerregalen herum, und manchmal tropfte ihnen der Durchfall auf meine Ordner, die dort standen. Doch nach langem Kampf kriegte meine Frau auch dieses Problem in den Griff.

Kätzchen  Röschen (links) und Luigi  zwei  Kätzchen im Wäschekorb  Kätzchen  Röschen im Drucker
Das kleine Röschen (jeweils links) mit ihrem Bruder Luigi

Noch hartnäckiger als der Durchfall war das Nein der Mitmenschen, die wir immer wieder fragten, ob sie eines unserer drei Kätzchen aufnehmen wollten. Das Jahr 2009 ging möglicherweise in die Geschichte ein als das Jahr, in dem in Deutschland die meisten Katzen abgegeben oder ausgesetzt und die wenigsten aufgenommen wurden. Eine Wirtschaftskrise traf auf einen zunehmend konservativen Zeitgeist, auf Wettbewerbsgeist, Mobilität, Härtekult, Sparappelle und permanente Globetrotterei – schlechte Zeiten für Tiere, die so ausgesucht nutzlos, unproduktiv, allürenhaft, liebesbedürftig, sanft, empfindlich, ortsfest, untransportierbar und kostenintensiv sind wie Katzen.

Nach vielen Monaten der Suche fand sich schließlich eine Interessentin für den Kater Luigi. Die schwarze, stets elegante Lillemoor mit ihrem Faible für dekorative rote Unterlagen konnte meine Frau schließlich ihrer Freundin und Kollegin anvertrauen, die sich gerade von ihrem langjährigen Freund getrennt hatte und über Einsamkeit in ihrem Haus klagte. Übrig blieb Röschen. Ja, Röschen ist ein bisschen schwierig; sie ist öfter mal ein bisschen fordernd. Ja, ihr Geschrei kann auch mal nerven. Ja, sie braucht viel Aufmerksamkeit. Seit ihre Schwester Lilly weg ist, ist sie völlig auf uns Menschen fixiert. Ja, sie fremdelt etwas. Ja, sie braucht auch einen Garten, eine Katzenklappe, stets freie Bahn im Haus (die sie bei uns nicht hat), und Liebe, Liebe, Liebe. Ja, sie ist schwer vermittelbar.

Katze  Röschen im Schnee

Katze Röschen im Schnee

Warum muss sie überhaupt weg? Weil sie unsere gute alte Motte verjagt, wo immer sie sie sichtet. Röschen duldet keine andere Prinzessin neben sich (was sich im Käfig vielleicht gerade ändert). Und sie ist inzwischen fast doppelt so schwer wie unsere zarte, wilde Motte.

Die Interessentinnen kamen und gingen. Sie gingen stets ohne Röschen. Sie fanden, dass sie Röschen nicht genug geben könnten. Dass sie vielleicht doch zu oft weg seien. Dass da doch noch Platz für ein zweites Tier sein müsse. Und dass man vielleicht doch nicht genügend Zeit habe, sich um die Tiere zu kümmern.

Deshalb brachte meine Frau unser Röschen, das eigentlich der Tierrettung Herford gehört, in eine Tierpension. Dort wird sie in einen Käfig gesperrt, zusammen mit zwei Katern. Wir hoffen, dass sie dort nicht allzu sehr leidet. Wir vermissen sie. Keine Katze ist so gesprächig wie sie; keine kann so gekonnt mit ihren Menschen schimpfen wie sie. Keine erbeutet so stolz die Maus an der Angel wie sie. Keine knurrt so kampfkatzenmäßig wie sie, wenn fremde Männer vor der Tür stehen. Keine schnurrt so laut wie sie. Keine hat so ein süßes Wabbelbäuchlein und so einen stattlichen Schnurrbart wie sie. Das ist Röschen. Röschen sitzt jetzt im Käfig. Jeden Tag. Bis du Ja zu Röschen sagst und sie rettest.

Bitte wende dich ggf. an die Tierrettung Herford. Kontaktformular

Schwierigkeiten mit der Vergangenheit – Zases NW-Kritik (5)

Jürgen Krüger porträtierte in der NW vom 28.12.2009 (Kultur) die Metalcore-Band „Heaven Shall Burn“.  Darin erfahren wir u.a.:

  • „Wir sind nicht das Ergebnis eines Castings, sondern fünf Freunde.“
  • Mark Weichert arbeitet derzeit an einer juristischen Dissertation.
  • Markus Bischoff ist Krankenpfleger.
  •  „Politik interessiert sie alle, denn sie sind Kinder…“

Bekanntlich interessieren Kinder sich oft für Politik, arbeiten auch gern als Altenpfleger oder schreiben juristische Dissertationen.
Gut, der Satz mit den Kindern geht noch weiter: „…als 1989 die Mauer fällt. Von einem Tag auf den anderen weicht der Sozialismus dem Kapitalismus.“
Also: Fünf Freunde machen Musik, einer ist Jurist, einer Altenpfleger, sie sind Kinder, die Mauer fällt und der Sozialismus weicht – alles scheint gleichzeitig zu passieren, alles steht im Präsens.

Die Marotte der Zeitungen, die ferne Vergangenheit im gleichen Präsens zu erzählen, in dem sie auch über die gestrige Vergangenheit und über die Zukunft schreiben, treibt seltsame Blüten. Sie korrespondiert mit dem Versuch der Zeitungen, über Ereignisse möglichst schon dann zu berichten, wenn sie noch gar nicht stattgefunden haben. Immer wenn sie dann Menschen wörtlich zitieren, wechselt das Tempus dorthin, wo es vernünftigerweise gehört: Denn wenn Menschen sprechen, erzählen sie vergangene Ereignisse immer im Perfekt oder Präteritum. So auch in diesem Artikel: „Wir konnten uns anpassen, aber wir haben ältere Menschen gesehen, die Probleme hatten…“ (sagt Weichert.) Was Menschen dagegen im Präsens erzählen, sind fiktive Geschichten, z.B. Filmhandlungen.

Offenbar haben die Journalisten der NW wie auch anderer Zeitungen den Anspruch aufgegeben, uns zu berichten, was wirklich geschehen ist. Sie erzählen uns lieber Geschichten.

Lob der Rechercheurin – Zases NW-Kritik (4)

NW-Reporterin Nicole Hille-Priebe (Yasni-Profil) fiel im Herbst 2009 mit zwei hervorragend recherchierten, tiefgründigen Reportagen auf: Am 30. November schrieb sie unter der Überschrift »Killerkino nachgeahmt« über die Rolle, die Oliver Stones Metzelporno »Natural Born Killers« (also »Geborene Totschläger«) spielte, als drei junge Leute aus Paderborn im Juni aus Spaß am Töten einen 34jährigen Bekannten totschlugen. Am 3. Dezember beleuchtete sie den Beginn des Prozesses gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher John Demjanjuk durch ein historisches Schlaglicht: Die westdeutsche Justiz (und namentlich das Bielefelder Schwurgericht) hatte sich in den späten 1950er Jahren entschlossen, »,kleine Befehlsempfänger‘ wie Angehörige der Erschießungs- und Absperrkommandos« nicht anzuklagen. Beide Artikel waren hoch aufschlussreich, verzichteten auf jegliche Effekthascherei, legten stattdessen den Finger auf offene Wunden und regten die Leser zum tieferen Nachdenken über die jeweilige Problematik an. Hut ab!

Herrscher Tönnies und seine Hofberichterstatter – Zases NW-Kritik (3)

In der Ausgabe vom 12.11.2009 (S. 3) berichteten Hubertus Gärtner und Stefan Schelp über die Betrugs-Anklage der Staatsanwaltschaft Bochum gegen den Rhedaer Wurstfabrikanten Clemens Tönnies. In dem Fünfspalter erfährt der Leser wenig über die Betrugsvorwürfe der Staatsanwaltschaft – es geht darum, dass die Firma Tönnies offenbar zu wenig Rindfleisch in ihr gemischtes Gehacktes getan hat, das über Discounter wie Aldi und Lidl vermarktet wurde. Stattdessen erfahren wir, dass seine Familie Tönnies am wichtigsten sei, dass er Emotionen zeigt, dass seine Frau Kinderhospize und zwei Familien mit schwerkranken Kindern unterstützt, dass Tönnies die Staatsanwälte für „Laienpriester“ hält, dass sein Bruder mit 44 Jahren gestorben ist, dass Clemens ihm auf dem Sterbebett versprach, sich an seiner Statt um den Fußballverein Schalke 04 zu kümmern, dass Tönnies Putin ein Schalke-Trikot überreicht hat, Oliver Kahn nach Gelsenkirchen holen wollte und Gerhard Schröder kennt. Und natürlich die übliche Schmonzette in der Hälfte aller Herrengeschichten: Dass er einmal klein angefangen habe, mit Knochenarbeit. (In der anderen Hälfte heißt es, dass der Herr es als Jüngling entsetzlich schwer gehabt habe, sich gegen seinen übermächtigen Vater zu behaupten…)

Kein Wort über den rätselhaften Tod des Kronzeugen. Kein Wort über Sklavenarbeit und Hungerlöhne im Hause Tönnies, die nur deshalb nicht mehr angeklagt werden, weil die Betroffenen zu viel Angst haben, um als Zeugen gegen den Herrscher aufzutreten. (Wo ist übrigens der mutige NW-Reporter, der sich traut, in diesem Sumpf zu recherchieren?) Und natürlich kein Wort über das perverse Gewerbe des Herrn Tönnies als solches: die alltägliche unvorstellbare Tierquälerei in den „Schweine-KZs“ und Tiertransportern, aus denen das Billigfleisch stammt, das Tönnies verarbeitet.

Was meinen Gärtner und Schelp damit, wenn sie einen Satz hinschreiben wie diesen: „Auch als Fabrikant, in dessen Betrieben jährlich mehr als acht Millionen Schweine geschlachtet … werden, zeigt er Emotionen.“ Sollte Tönnies tatsächlich Mitleid mit den armen Schweinen haben, die er täglich verwursten lässt? Oder wollten die Autoren andeuten, dass er eigentlich solche Emotionen haben sollte? Auf dem Foto daneben sehen wir das perverse Riesensignet über Tönnies’ Wurstfabrik in Rheda-Wiedenbrück: ein fröhliches Rind und ein glückliches Schwein, die es offenbar gar nicht erwarten können, sich in die Fleischwölfe des Herrn Tönnies zu stürzen.

Zases NW-Kritik (2)

NW-Reporter Hubertus Gärtner berichtete in der Ausgabe vom 10. November 2009 über einen Mordprozess in Osnabrück (»Mord in Mafia-Manier«). Darin schrieb er gleich zweimal: »Zur Überzeugung der Staatsanwaltschaft« war das und das passiert. Es muss hier heißen: »nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft«. »Zur Überzeugung« bedeutet: mit dem Ziel der Überzeugung. Gemeint ist aber: gemäß der Überzeugung. Das sind so die Kleinigkeiten des Satzbaus, auf die es im Zweifel ankommt – wie auf die Qualität des Mörtels beim Hausbau.

Im Wirtschaftsteil der gleichen Ausgabe erschien ein Artikel der Agentur Reuters mit der Überschrift: »Industrie als Wachstumstreiber«. Im zweiten Absatz des Artikels wird als Beleg eine Zahl genannt: Die Industrie steigerte im September 2009 ihre Produktion gegenüber dem Vormonat um 2,7 % »und damit fast dreimal so stark wie erwartet«. Diese Zahl deckt die Behauptung, die die Überschrift aufstellt, nicht ab. Die Industrie könnte nur dann als Wachstumstreiber bezeichnet werden, wenn sie stärker gewachsen ist als andere Bereiche der Wirtschaft, zum Beispiel die Dienstleistungen. Darüber erfahren wir aber nichts.

NW 10.11.2009

Wen meint die NW mit „wir Bürger“? – Zases NW-Kritik (1)

NW-Wirtschaftsredakteur Wilfried Maßmann kommentierte am 29.10.2009 im Bielefelder Lokalteil die politische Gesamtsituation des neu gewählten Stadtrates unter dem Titel „Die Stadt, der Rat, wir Bürger“. Allerdings war der Artikel nicht als Kommentar ausgewiesen, sondern erschien in der Aufmachung einer gewöhnlichen Lokalnachricht. Wir müssen also davon ausgehen, dass die darin geäußerten Meinungen die der Chefredaktion sind.

Dort finden wir dann apodiktische Sätze wie: „Der bevormundende Sozialstaat gewinnt immer mehr an Macht.“ Einen Beleg für diese steile These im Zeichen von Hartz 4 und im Schatten der Dumpinglöhne glaubt die NW anscheinend nicht nötig zu haben. Vermutlich ist Maßmann auch der festen Überzeugung, dass die Weltfinanzkrise durch eine weltweite Verschwörung von Sozialarbeitern, Gewerkschaftsfunktionären und grünen Lehrerinnen ausgelöst wurde. Oder was meint Maßmann mit Macht?

Wenn Menschen, die von einem Konzernvorstand in die Arbeitslosigkeit gestürzt wurden, das ihnen zustehende Arbeitslosengeld bekommen, damit sie weiterhin eine Chance haben, unsere demokratische Gesellschaft mitzugestalten, dann nennt Maßmann das so: „großzügige Verteilung von Steuergeldern unter dem Vorwand der sozialen Gerechtigkeit“. Wenn Bielefelder Bürger die Meinung vertreten, dass es ohne soziale Grundrechte, ohne ein Minimum an Sicherheit vor unerträglichen Demütigungen keine funktionierende Demokratie geben kann, dann hetzt Maßmann gegen uns: „Wer jedoch ständig vermeintliche soziale Gerechtigkeit im Munde führt…, flieht die Realität und treibt Bielefeld weiter in die Misere.“

Ja, wer sozial denkt, muss sich um staatliche Einnahmen kümmern; da hat er Recht. Deshalb fordern z. B.  Attac und Gewerkschafter wirksame Maßnahmen gegen sog. Steueroasen (die man besser Sümpfe der Gesetzlosigkeit für Reiche nennen sollte), eine Vermögenssteuer, eine Steuer auf internationale Finanztransaktionen, die Besteuerung von Flugbenzin, mehr Betriebsprüfungen, Sozialabgaben auf Miet- und Zinsgewinnen: kurz, dass der Staat wieder dort Steuern und Sozialabgaben kassiert, wo das Geld ist. Für Maßmann natürlich ein Unthema, und Bürger im Sinne Maßmanns sind es bestimmt nicht, die an so etwas denken.

Nein, Wirtschaft ist nicht „der Tropf, an dem wir alle hängen“, wie Maßmann meint.  Wirtschaft ist das, was jeder von uns täglich tut, um jetzt oder in Zukunft sein Brot zu verdienen oder sein Familienleben zu organisieren. (Denn ohne Bett und Abendessen kann kein Mensch arbeiten.) Maßmann pflegt mit seinem schwammigen Begriff von „Wirtschaft“ den Mythos der Unternehmerverbände, dass Unternehmer die einzigen Menschen seien, die produktiv arbeiten. Nein, Monsier: Eine Lehrerin, die Kindern lesen und schreiben beibringt, ist mindestens genau so produktiv wie ein Bauunternehmer, der überflüssige Betonklötze in die Welt setzen lässt; und hundertmal so produktiv wie ein Rechtsanwalt, der einen 7000-seitigen Cross-Border-Leasing-Vertrag formuliert.

Wir kommen zum letzten Punkt. „Projekte wie der Untersee … sind Aufgaben, die längst erledigt sein müssten.“ Hier fertigt Maßmann mal eben die Bielefelder Naturschützer ab. Klar, dass jemand, der eine der größten stadtnahen Grünflächen Bielefelds vor der Bauwut von Investoren schützen möchte, nicht mitzählt, wenn ein Maßmann seine Bürger definiert. Die Maßmänner waren es auch, die seinerzeit die Raspi abreißen und dort, wo heute der Ravensberger Park ist, ein Stadtautobahnkreuz hinlegen wollten, von dem damals, so glaubten sie, Wohl und Wehe der Stadt abhing. Die Maßmänner werden wohl niemals lernen, dass Bielefeld nur deshalb eine lebenswerte Stadt ist, weil es hier Bürgerinnen und Bürger gab und gibt, die sich den Plattmachern und Betonköpfen in den Weg stellen.