„Konservative, fast rückwärtsgewandte Weltsicht“

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Gestern schon schrub ich über den „ärmeren“, aber gleichwohl politisch weitaus einflußreicheren Oetker, den 70 jährigen Arend. „Hans Dampf“ in allen Unternehmergassen, gewieft im Verlagern der Schwartauer-Marmeladeführung und – Versteuerung ins extrem steuerbegünstige Zug/Schweiz, gleichzeitig in einer nahezu Hundertschaft von Vorständen, Aufsichtsräten, Gremien vertreten. Mitgründer und – Verdiener hinter den Kulissen der „UEFA.-Championsleague“ (Tja, da staunt Ihr, was?). Kurz: überall da, wo man mit seinem bekannten Namen Drähte ziehen, Spin-offs machen kann und hinter den Kulissen Einfluß ausübt. Rastlos, ruhelos. Ein Getriebener. Etwas, in dem die hiesigen Puddingrührer eher lokale Waisenknaben waren. Sprüche wie den oben, wie ihn die dritte Ehefrau des gestorbenen Patriarchen Rudolf-August O. – immerhin schon mal 2. Bürgermeisterin der Metropole – gerne mal raushaute, wenn die Bürger der Stadt mal nicht vor lauter Ehrfurcht vor der Dynastie so wählten, wie man es gerne auf Johannisberg und in Senne gehabt hätte, hörte man selten. Aber es ging noch besser. Vor allem, wenn es um das 3. Reich ging:

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Nun, das von Rüdiger Jungbluth geschriebene und nicht von der Dynastie autorisierte Buch „Die Oetkers“ ist gelesen. Vieles wußte ich. Manches wurde mir als nicht in Bielefeld Geborener sehr viel deutlicher. Zum Beispiel die Verstrickung des damaligen Firmenchefs und Stiefvaters von Rudolf-August O., Richard Kaselowsky, Mitglied des „Freundeskreises Himmler“, jenem SS-Schlächter im Namen des „Führers“. Stolz wie ein Pfau präsentierte er, der „Betriebsführer“ bei Puddings, die vom „Führer“ verliehene Urkunde mit der Auszeichnung des Unternehmens zum „Nationalsozialistischen Musterbetrieb“. Um seinen Namen, den Rudolf-August O. der von ihm gespendeten Bielefelder Kunsthalle zugedacht hatte, entspann sich ein großer Streit in der Stadt, die sich allzugerne von Puddings aufoktroieren ließ, wie sie sich zu verhalten habe. Der alte Mann, der stolz darauf war, seine Schuhe 20 Jahre und länger zu tragen, zog seine gigantische, aber teure „Querbeet“-Kunstsammlung („Nur schöne Sachen“) daraufhin aus dem schon von jenem merkwürdigen Herrn Kellein geleiteten rostbraunen Quader, dessen Architekt – oh Wunder – glühender Naziverehrer war. Der Bielefelder „webwecker“ schrieb am 02.02.2005 dazu:

Die bedenkliche Namensgebung kam beim Bau der Kunsthalle mit der Beauftragung eines Architekten zusammen, der jahrelang offener und bekannter Sympathisant des Nationalsozialsmus war. Johnson gründete in den USA eine rechtsextreme Partei, später distanzierte er sich davon. Er war angezogen von »all those blond boys in black leather«, fabulierte von der Fazination brennender Städte wie Warschau. Er, der 1930 in das ›Museum of Modern Arts‹ einstieg und schnell großen Erfolg erlangte mit seinem ›International Style‹, macht in der Folge eine merkwürdige Wendung mit.

Er begeistert sich öffentlich für den Nationalsozialismus und reist wiederholt ins Deutsche Reich. Bei der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 war er mit dabei, nicht zum ersten Mal im Deutschen Reich, um sich mit faschistischem Gedankengut und Spektakel vollzusaugen. Das nationalsozialistische Schauspiel habe ihn »gefesselt« und das Charisma Hitlers »aufgewühlt«, schreibt Franz Schulze in seiner 1996 erschienenen Biographie über Philip Johnson.

Der Clan, der Generationen von Hausfrauen im wahrsten Sinne des Wortes in der rechten Handhabung natürlich ihrer Produkte „erzog“, steht durchaus im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Was aber trotz allen Geltungsbedürfnisses dann nicht gerne gesehen wird, wenn die „offiziell genehmigte“ Deutung der Dinge hinterfragt wird. Vieles, was einem hier hinter dem stets nahezu „ehrfürchtig“ geflüsterten Namen „Dr. Oetker“ in Bielefeld begegnet, hat damit zu tun. Kleinkariertheit, Geheimnistuerei und politische Strömungen, die dieser Stadt offensichtlich ebenso wenig gut tun wie die fast Bohemienhafte Schlampigkeit örtlicher Sozialdemokratie unter Mitnahme aller Vorteile und Privilegien der „Fleischtöpfe“, auch wenn das mit „sozial“ und „demokratisch“ eher sehr wenig zu tun hat.

Seltsame Stadt. Seltsame Clans. Der schöneren und besseren Urbielefelderischen Hälfte sei es gedankt, daß ich meist darüber gedankenverloren hinweglächele. Wir haben ja noch unsere wunderschönen Brachflächen, das buntig-kantige Bahnhofsviertel und eine neue Generation von Puddingrührern, die dem Anschein nach vorsichtig die angebräunten Schichten um Ihr Bild abtragen und wegwerfen. Da Gründer und frühes Werbegenie Aschendorff-Apotheker Dr. August O., der keineswegs das Backpulver erfunden hat, wie er geschickt seinen Jüngerinnen weismachen konnte (es kam aus den USA), stets von oben mit drohendem Kochlöffel zuschaut, ist das für die heutigen Erben ja auch kein leichtes Unterfangen.

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Mit ihrem eigenen Claim „Qualität ist das beste Rezept“ sollte es aber gelingen. Vielleicht erhebt sich dann auch die kleine große Metropole so langsam aus ihrem Tiefschlaf im Nebel des Puddings. Es gibt noch mehr Dinge jenseits von „Dr. Oetker Waldmeister“, „Backin“, „Gustin“, „Russischem Zupfkuchen“, „Ofenfrischer“, „Schiffahrt“, „Hotels“ und was man da so alles im Laufe der Jahrzehnte zusammengesammelt hat.