Erwin Brägenklöter, Schilske: „Alle rauswerfen“

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Erwin Brägenklöter, wohnhaft in Schildesche, „Schildske“ wie die Schildescher sagen, schüttelt den Kopf. „Ne, ne, ne“ grummelt er in seinen weißen Vollbart, den er seit seinem 3. Lebensjahr immer sorgfältigst gepflegt hatte. Selbst jetzt noch, mit über 80 wurde er oft für „Käptn Iglo“ gehalten von den Schilsker Gören, wenn er am Obersee seine Kontrollrunden dreht. „Ein bissken Blockwart muss sein“, sagt er dann immer, wenn er den noch jungen Oberbürgermeister der Stadt, einen gewisser Peter „Pit“ Clausen dort mit seinem Dackel mit rotem Berliner SPD-Ehrenhalsband „Für ein halbes Jahrhundert wirre Ideen“ trifft. Warum der aber immer einen Bollerwagen mit Werbeaufdruck „Bielefelder Tafel. Ein Herz für Kinder der Metropole“ bei sich hat, weiß er bis heute nicht. Will aber auch nicht fragen. Politiker sind eben anders. Ganz anders.

Das aber war heute zu viel. Seine Frau Erna, „eine von Ostpreussen wech“, hatte ihm schon ganz früh die Zeitung aus dem Kasten gefischt und auf den Knien liegend wie eine indische Statue serviert. Das mochte er. Es war ein Ritual. Wie die Frauen, die sich mit Kachelmann sonnten und dann „furchtbar enttäuscht“ waren, wenn es keinen Gang in weiß vor einen Altar gab. Da muss man sich eben zusammentun und rächen. Große Buchstaben, viel rot und ein „NW“ für „Neue Wahrheit“ vorne drauf. Er las sie gerne. Nirgends konnte er mit seiner Lupe so viele Buchstaben erhaschen wie in diesem Blatt. Und wenn er sie dann aus hatte, ging das Feuer anmachen im Bullerofen immer ruckzuck. Brannte wie Zunder. „Ob die deshalb so viel rote Farbe im Blatt haben ?“, fragte er sich immer. Bekam aber wie so oft in seinem über 80 jährigen Leben keine Antwort. Jetzt, „wo dat auf Weihnacht zugeht“ machte er es sich auf der Bank neben dem Bullerofen gemütlich und schlug die lokale Seite auf. „Kehr, kehr, kehr. Wat is die Welt schlecht“, stöhnte Erwin vor sich hin. Erna, die es sich am Waschbecken mit „Kartöffelskes von Jürmke wech“ gemütlich gemacht hatte und mit dem roten WMF-Schälmesser schälte, was die Daumen hergaben, horchte auf. In diesen Momenten verfiel sie wieder in ihren alten ostpreußischen Dialekt, den sie nur vergraben hatte, weil keiner in Bielepudding ihn richtig verstand: „Manneken, Manneken kommn die Russkis?“.

Erwin hörte nicht hin. Russkis? Er zog die Überschriften auf der Lokalseite zusammen, die sorgfältig an der Niedernstraße da reingesetzt worden waren und brüllte dann unvermittelt los:

„Alle ausweisen. Alle rauswerfen. Dat siehste denen schon an. Die sehn schon so aus. Raus mit dem Pack. Raus. Arbeitslager“ .

Erna, über die Kartoffeln gebeugt, fragte zaghaft “ Sind se schon da, de Russkis?“ Erwin konnte nicht antworten. Seine Schnappatmung hatte wieder eingesetzt. Was seinen vierten Zähnen zusetzte. Eigentlich wollte er sich diesem Revolverblatt nicht mehr aussetzen. Nur Schläger, Morde, Erwürger. „Kehr wat is die Welt schlecht“. Er, dessen Vater noch an der Puddingmaschine in Gadderbaum stand und in einer gewissen Zeit von einem Chef in brauner Uniform immer ein „paar Tütken Backpulver“ geschenkt bekam für seine Treue zu einer Partei, die für Recht und Ordnung sorgte und dafür nur ein paar Kleinigkeiten von den Leuten einbat. Dafür ein bisschen den rechten Arm hochreissen und „Heil H….“ zu brüllen, das war doch kein Problem. Muss wohl sein polnischer Zwangsarbeitskollege neben ihm auch gedacht habe, bevor er dann abends wieder zu Wassersuppe in die Lagerbaracken draussen im Senner Outback geschickt wurde. Nicht einmal dann legte er den chicen sauberen Anzug mit dem gelben Stern vorne drauf ab. Da war wenigstens Ruhe, Ordnung und es schlugen nur die extra dafür ausgesuchten Aufpasser der Partei. Ab und zu sagte ja so ein alter Sozi noch was über die, die Deutschland „gerettet“ hatte. Undankbar, diese Leute. Aber ansonsten hielten alle das Maul. Adolf H. wußte sicher, wo es langgehen muss.

Erwin Brägenklöter hatte sich wieder beruhigt. Gleich würde er nach draußen in den Schneee „bei die Kanickel“ gehen und ihnen Kartoffelschalen und alte Möhren geben. Naher wolten sie mkit der Kutsche und dem letzten Pony im Haus nach Deppendorf fahren. Er roch was Brandiges und ging durch den Schnee ins Haus. „Erna, hasse die Kartöffelkes vergessen?“. Erna, die grad vor dem hochmodernen Notebook saß und diesen Eintrag ins Bielefeld-Blog tippte, schlug entsetzt die Augen hoch:

„Ach Herrjemine, dat man nich mal de Bulven kurz ausse Ogen lassen könnte“, clickte mit dem Spezialhammer auf „speichern“ und löschte die leicht angebrannten Kartoffeln.

3 Gedanken zu „Erwin Brägenklöter, Schilske: „Alle rauswerfen“

  1. omega

    Mit Erwins Sehfähigkeit steht es wohl auch nicht mehr zum besten. Den Tafelaufkleber habe ich noch nie auf dem Oberbollerwagen gesehen. Als gestern wegen des Schneetreibens kurzfristig die Linie 2 ausfiel stand jedenfalls der OB mit seinem Bollerwagen an der Haltestelle Rathaus. Der Bollerwagen hatte den Aufkleber SCHIENENERSATZVERKEHR. Am Wochenende hatte er auch schon mal den Aufkleber Gay-Tours. Und im Kommunalwahlkampf natürlich WDR. Scheint mir doch ein OB mit mehr Zielflexibilität zu sein, als ich bisher dachte.

  2. rainman

    Seit kurzem hat der OB an der Heckseite des Bollerwagens einen grünen Kranz mit roter Schleife. Tut mir für Pit und seinen Freund echt Leid, dass da nun tote Hose ist.

  3. textexter Artikelautor

    rainman, guck noch mal genau hin, wenn er an Dir vorbeischlurrt. Der Kranz ist rot, die Schleife grüngelb.

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