Uni schmeißt Bielefelds Prodiac raus.

Darf der Staat Löhne diktieren? Diejenigen, die vom 1. Oktober an einen Arbeitsvertrag als Gebäudereiniger unterschreiben, werden nach einem Blick auf ihren Stundenlohn sagen: Ja, er darf. Darin werden ihnen auch Menschen zustimmen müssen, die den
Mindestlohn sonst ablehnen. Denn am Beispiel der Gebäudereiniger hat sich gezeigt: Der Markt regelt den Preis eben nicht so, wie es manch einer gern hätte. Die Tarifverhandlungen sind gescheitert. In dieser Branche regeln die, die es sollen, nämlich die Tarifvertragsparteien, leider herzlich wenig. Von einem Stundenlohn von 5,71 beziehungsweise 4,61 Euro kann niemand
leben. Und wenn, dann nur mit staatlicher Unterstützung, zum Beispiel mit Arbeitslosengeld II, das zusätzlich zum Lohn gezahlt wird. Der Staat subventioniert also eine Vollzeitstelle – unfassbar. In der Branche der Gebäudereiniger ist es wie in anderen von Nöten, dass der Wettbewerb über die Qualität und nicht über das Preisniveau ausgetragen wird. Wenn die Tarifvertragsparteien nicht in der Lage sind, eine Lohnhöhe für ihre Branche zu finden, dann muss es eben der Staat tun.

Liebes Westfalen-Blatt. Da habt Ihr eines der heißesten Eisen in diesem Lande angefasst. Aber sehen wir das mal lokal. Die Bielefelder Uni hat den Wach – und Geldtransportdienst Prodiac (Eckenheimer Straße) aus dem europaweiten Bieterverfahren um den Halbmillionen-Etat-Bewachungsetat ausgeschlossen. Prodiac sagt, man solle „ein Riesenpaket zum Minipreis liefern“. Prodiac, die erst seit März 2009 Tariflöhne zahlen, behauptet, man „mache Verluste, wenn man weniger als 11 Euro die Stunde“ zahle. Die Gewerkschaft Verdi scheint auf Seiten von Prodiac zu stehen und behauptet, es seien „an den Haaren herbeigezogene Argumente“, die Uniseits zum Ausschluß des Anbieters geführt hätten.

Schwer verständlich. Wenn Anbieterverfahren für die Uni als „Öffentliche Hand“ vorgeschrieben sind, dann gelten eben die Regeln dafür. Wenn der Auftraggeber jemand davon ausschließt, tut er exakt das, was Industrie und Handel auch macht. Aber vielleicht wäre dem Unternehmen und der Gewerkschaft ein Schlaraffenland lieber, in dem der einzelne Mitarbeiter 5 Euro die Stunde bekommt und die ARGE auf 11 Euro „kostendeckend“ aufstockt? Da wäre es der Allgemeinheit dann aber allemal lieber, Prodiac würde über die Wupper gehen. Die Kostensituation eines Privatunternehmens kann den Steuern zahlenden Bürger nicht interessieren. Es reicht schon, wenn er zwangsweise aufgrund Politikversagens für Hütchenspielerbanken herangezogen wird. Empfehlenswert wäre Prodiac mal ein Einkaufsgespräch mit den großen Discountern. Da gilt das Prinzip „Friß oder stirb“. Selbst Lieferanten, die Jahrzehntelang korrekt lieferten und im Preis Jahr um Jahr gedrückt wurden, werden mit fadenscheinigsten Argument aus dem Markt geschossen. So läuft das heute in der neuen Welt der aalglatten, gelackten BWL-getrimmten Einkäufer.

7 Gedanken zu „Uni schmeißt Bielefelds Prodiac raus.

  1. blitzmerker

    Von Seiten der Uni ist das eine recht elegante Lösung, zeitgleich mit der Amtseinführung des neuen Rektors.
    Von studentischer Seite war Prodiac schon lange wg. diverser angeblicher Übergriffe in der Kritik.
    Man muss sehen, ob die Gülichs jetzt Tarif zahlen und ob ihre neue angeworbenen Mitarbeiter (wahrscheinlich wechseln viele einfach von Prodiac) nett zu allen sind.

    Gesetzlicher Mindestlohn für alle, überall, sofort!

  2. rainman

    Verdi scheint schon seit längerer Zeit unter einem Realitätsverlust zu leiden und die Tatsache, dass wir hier noch immer im Kapitalismus leben, aus den Augen verloren zu haben . Und da gelten hier nun mal die Gesetze des Marktes. Mir stellt sich schon lange die Frage, wessen Interessen verdi eigentlich vertritt.

  3. textexter Artikelautor

    Vor allem die der Funktionäre. Schon mal DGB-Sommer bei der Übung „Schlaf vor der Kamera“ zugeschaut?

  4. blitzmerker

    @rainman: Stimmt so nicht. Erstens behauptet selbst die FDP, dass wir noch immer eine „soziale Marktwirtschaft“ haben.
    Zweitens möchten Sie garantiert selber nicht dort leben, wo „die Gesetze des Marktes“ restlos alles regeln (obwohl die Reise offenbar dorthin geht). Drittens schreibt das Grundgesetz keine bestimmte Wirtschaftsordnung vor, es ist also durchaus legitim, die vorhandene umgestalten zu wollen – die „Gegenseite“ tut es ja auch (s.o.).

  5. rainman

    Ja, Sommer macht vor der Kamera immer einen absolut kämpferischen Eindruck.
    Da machen sich die Kapitalisten vor Angst bestimmt immer in die Armani-Hosen.
    Beindruckend ist aber auch immer wieder der völlig verbalisierungsunfähige Bsirske.
    Ach da bekomme ich Nostalgieschmerzen und denke an die 70er mit der revolutionären Gewerkschaftsopposition.

  6. textexter Artikelautor

    Och Blitzi, nachdem man der FDP so viele Stimmen seitens der Union „geschenkt“ hat – wovon Guido nicht wissen will – behaupten die ja minütlich was. Mal sehn, was „vom Tage bleibt“, um mal mit dem Autor Thomas Steinfeld zu reden. Tante Merkel wird mit ihren Lobbyisten im Rücken schon verteidigen, was die Groko so grandios erfocht. Kann aber auch sein, daß Guidos Lobbyisten stärker sind oder soeben dabei sind, das „andere Ufer zu erklimmen“.

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