Frau Haessy schreibt…

…wirklich toll. Mein Vorbild!

Toll wie sie in ihre Geschichte „reinschlittert“, ohne Einleitung gleich mitten rein.

„Er war acht, als sein Vater gestorben ist und seine Mutter alleine für die Kinder sorgen musste. 1941 war das. Sie führte den Laden des Vaters weiter, Claus half ihr beim Ausliefern der Waren. Es war nicht immer einfach. Vor allem da sein älterer Bruder währenddessen an der Front war. Offizier. Die Großmutter war extra in ihre Heimatstadt gefahren, um den Priester dazu zu kriegen, die kirchlichen Unterlagen zu vernichten, die bewiesen, dass die Familie anno irgendwas mal jüdisch gewesen war, bevor sie sich lutheranisch.. nun.. umorientierte. Zum Ende des Krieges wurde Claus von seiner Mutter getrennt und kam in ein Lager. Dort sei er zweimal fast gestorben. Er erzählt etwas von Duschen und Gas, aber irgendwie scheinen die Details nicht ganz so stimmig zu sein. Claus erzählt ohnehin sehr viel. (…)

Ja, so geht das weiter und man fragt sich als Leserin zunehmend, wie lange diese typische „Hölzken-auf-Stöcksken“-Geschichte noch weitergeht. Doch irgendwann leitet die Autorin die Wende ein:

„Ich kenne Claus nicht. Ich habe ihn nie vorher getroffen und werde ihn wohl auch nie wieder treffen. Aber er ist einer jener alten Menschen, die einsam sind, sehr einsam, verdammt einsam, und einfach mal reden muss.“

Soweit so gut, eine normale Geschichte wie sie Mitarbeiterinnen der Pflegedienste jeden Tag zu hören bekommen, aber keine Zeit haben zuzuhören. Was letztlich bedauerlich ist, was aber keiner ändern kann, meint man.

Falsch gedacht. Natürlich kann man, wenn man will. Und damit gibt die Autorin ihrer Geschichte einen berührenden und gleichzeit auffordernden Schluss:

Denn ich kann nur inständig hoffen und beten, dass ich, wenn ich einmal alt und einsam bin und verzweifelt reden möchte, auch auf Menschen treffe, die mir 33 Minuten ihrer Zeit schenken.

Einfach so.“

Man wagt kaum, auf diese wage Hoffnung zu vertrauen für die Tage, wenn man selber einmal da angekommen ist, wo der alte Herr heute ist. Ich habe jedenfalls – nur um mich zu beruhigen – gleich eine gute Tat folgen lassen und den alten Nachbarn meiner verstorbenen Mutter angerufen und 33 Minuten mit ihm über Früher geredet.

Hier die ganze Geschichte.