Bielefeld. A Moveable Feast. 28. Dezember 2007.

Sie guckte ihn aus dem Augenwinkel an. So, wie sie es immer machte, wenn sie ihn nah am Rande zum Übergang in den Teutoburger Wahnsinn wähnte. „Bielefeld. Ein Fest für´s Leben? Hemingway am Südring?“ Er antwortete nicht. Er kannte diese Reaktion. „Hej, wach auf. Du stehts vor dem holländischen blaugelben Möbelhaus“. Er kam wieder zu sich und schaute auf die Uhr. „Nicht mal 9 und schon stehen Hundertschaften Rentner vor dem IKEA-Eingang“, moserte er. Was sogar stimmte. Sie schlossen sich dem Pulk an und schlichen die Treppe zum Restaurant hoch. Am Småland vorbei, wo er diesmal nicht zwischen bunten Kugeln, aufgeregten Jungmüttern und abgeklärten IKEAnerinnen warten mußte. Umgeben von beigen Windjacken und „KIK“-Discontjacken („Nur nackt ist billiger“) im polyesterfarbenen China-Chic gings hoch. Überall duzte man sie: „Danke, das Du uns hilfst“. Ja, wobei denn? Dann begann die Jagd auf IKEA´s Frühstückspreziosen. Sie entschieden sich beide für Gravad Lax und viel Kaffee. Ringsherum brodelten die beigen Windjacken und die grauen Polyester, balancierten Bretter mit 1,50-Eurofrühstückchen nebst glimmenden Ernte23. Für Sekunden fuhr es ihm durch den Kopf und er erinnerte sich an einen kürzlich gesehenen schwedischen Wallander-Krimi im TV. „Midsommar-Mord. Jetzt“, grummelte er. Sie versprach ihm, ihn nie wieder frühmorgens um 9 Uhr ins holländische Möbelhaus zu schleppen.

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Sie fuhren in die Innenstadt und parkierten in der Cinestar-Tiefgarage. Natürlich auf einem „Frauen“-Parkplatz. Da kannte er nichts, wenn sie dabei war. Gings um gute Parkierplätze, konnte er ungemein das Weibchen raushängen lassen. Was von außen auch an der Art der Einparkung abzulesen war. Den kurzen Weg in die Citypassage schaffte man leicht und entdeckte „Last Christmas“ zum Sale-Preis. Der Weihnachtsmann hatte ausgedient. Jetzt gab es ihn zum Schleuderpreis.

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Überhaupt City-Passage. Vor zwei wohlfeilen Zelten, in denen WahrsagerInnen um die Wette die Zukunft weissagten („Schwingen Sie mit im Aufschwung, gehen Sie zuvor aber über Los“) und die Karten legten, standen Schlangen. Am Kaffestand neben Metzger Damisch hatte sich ganz Antalya versammelt und schaute auf das bunte Treiben. Eifrig stimmte Schostakowitsch ein älterer Pianoplayer ein schwarzdunkel glänzendes Geflügel. Am Boden harrte ein ermordetes Cello seines Einsatzes.

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Der Sushi-Stand machte auch bereits seine frühen Übungen in einfacher deutscher Grammatik, hatte aber wohl nur falsch den TV-Spot von „Praktiker“ kopiert: „20% auf allem. Auch Tiernahrung“.

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Für ein paar Atemzüge trennten sich ihre Wege. Sie schlug sich in die Büsche besuchte die Galeria Kaufhof, um nach Dessous zu schauen. Er drückte auf den Auslöser der Digicam.

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Und nochmal:

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Er konnte seine Blicke nicht vom Basar lösen und fing hochwertigste China Billiguhren ein:

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Sie verspürte Durst. Warum nicht das „Vitaminchen“ heimsuchen und ein Glas feinsten Obstsaftgemisches zu sich nehmen, meinte sie.

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Allzu schnell stürzte sie den „Miami-Traum“ hinunter. Er hielt sich ein wenig zurück mit seinem „Caribean-Dream“.

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Auf der Bahnhofstraße kurz vor H & M kernten sie grade den ausgedienten „Ihr Platz“ aus. Wer wohl den Platz demnächst einnimmt? „Starbucks“?

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Ach ja. Bielefeld am 28. Dezember 2007. „Ein Fest für´s Leben“. Verzeihung, Hemingway, alter Säufer. Aber James Joyce hat „Ulysses“ noch nicht auf die Metropole am Teutoburger Wald umgeschrieben.

Sie verdrehte schon wieder die Augen….. Ob sie ihm noch schnell einen Eiltermin verschaffen sollte?

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3 Gedanken zu „Bielefeld. A Moveable Feast. 28. Dezember 2007.

  1. blackbox

    was hat die Frau, die das Glas anfasst, nur für peinliche Fingernägel…

  2. textexter Artikelautor

    Na, da hat wohl jemand keine Ahnung, wie Fingernägel heute aussehen müssen. Soll vorkommen :-)) Kauen Sie ruhig weiter. Schmeckts? :-))

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