Beige Windjacken und Vorurteile

Mein Schwiegervater ist 82 Jahre alt und sowas von rüstig.
Gartenarbeit zu normalen Uhrzeiten und kleine Reparaturen am und im Haus bereiten ihm keine Probleme.
Mehrmals im Jahr nimmt er die ihm gebotenen Möglichkeiten wahr und
begibt sich zusammen mit seiner Lebensgefährtin auf Fahrt.
Dabei handelt es sich um Fahrten, die von ungefähr gleichaltrigen Menschen
oder von ehemaligen Kollegen und jetzigen Pensionären organisiert werden.
Es fahren auch schon mal Leute mit, die keine direkte Beziehungen zu diesem „harten Kern“ haben.
Hauptsache, der Bus wird voll oder die Mindestanmeldezahl wird erreicht.
Eine ganz wichtige Überlegung dabei ist, die Kosten für die Reisen so zu gestalten,
dass niemand aus finanziellen Gründen absagen muss.
Ich habe dabei des öfteren das Vergnügen, meinen Schwiegervater und seine Lebensgefährtin
zu den Sammelstellen zu bringen bzw. nach der Reise von dort wieder abzuholen.
Ich bin immer wieder begeistert über den herrschenden Zusammenhalt
und der offensichtlichen Lebensfreude innerhalb dieser Clique, obwohl der Einen oder dem Anderen
sicherlich das eine oder andere Zipperlein plagt. Die Reisekluft ist jedesmal der Jahreszeit angemessen.
Während der Sommermonate überwiegt bei den Teilnehmern die beige Weste oder Windjacke.
Selbstverständlich trägt mein Schwiegervater auch so eine.

Während seiner aktiven Zeit als Berufstätiger hatte er mehrere Kolonnen mit ca. 40 Arbeitskräften unter sich, die er nach bestem Wissen und Gewissen angeleitet hat. Er war als harter, aber gerechter Mensch bei seinen Kollegen bekannt.

Genauso, wie für ihn die Erledigung der Aufgaben seines Arbeitgebers an oberster Stelle stand, konnte er nach Feierabend ohne Probleme auch mal Fünfe gerade sein lassen und es zusammen mit seinen Bautrupps mal so richtig krachen lassen.
Ebenso hatte weder er noch irgend sonst jemand aus seinem Trupp Probleme damit,
während der Eisregenkatastrophe, die irgendwann in den späten siebziger Jahre den Großraum Bielefeld im Griff hatte, tage- und nächtelang mit einem Minimum an Schlaf dafür zu sorgen, dass auch entlegenen Höfe und Siedlungen wieder Strom bekamen.

Die Bügelsäge war damals eines der wichtigsten Werkzeuge,  vielleicht erinnert sich a noch jemand daran…..
Dass er im Kollegenkreis beliebt war, zeigte unter anderem das äußerst großzügige Abschiedsgeschenk, welches ihm seine Kollegen zum Ruhestand machten.
Als Vierzehnjähriger musste er als Adolfs allerletzte Reserve den Viadukt in Altenbeken mitverteidigen und das ging auf seine Gesundheit.
Als Hobby hatte er in jungen Jahren unter anderem Motocross fahren. Er hatte als Bielefelder Lokalmatador etliche Platzierungen und 1. Plätze erfahren. Älteren Mitlesern hier wird die Galgenheide sicherlich ein Begriff sein.
Die Antriebskette seines Motorrades wurde Sonntags mit ähem Duldung der besseren Hälfte in der Küche ausgewaschen und wieder auf Vordermann gebracht.

Ich habe Fotos von ihm in typischer James Dean Manier mit entsprechender Lederjacke.
Ja, er war zu seiner Zeit auch ein wilder Kerl mit allem Drum und Dran.
Wenn es damals schon die Jeanswesten gegeben hätte, er wäre sicherlich auch ein begeisterter Träger derselben gewesen.

Warum schreibe ich das alles auf?
In diesem Forum wird die ältere Generation häufig als „beige Windjackenträger“ oder als „beige Westenträger“ bezeichnet.

Im entsprechenden Zusammenhang kommt mir das sehr oft ziemlich abwertend gemeint vor, wobei ich nicht ausschliesse, dass ich das eventuell völlig falsch verstehe.

Ich möchte mit diesen Anmerkungen einfach nur einmal darstellen, dass alle Alten meinen bedingungslosen Respekt haben und es mir nicht einfallen würde,

sie in irgend einer Weise abwertend in eine „beige“ Schublade zu stecken. Ich  habe absoluten Respekt vor der Lebensleistuung eines jeden einzelnen Rentners, einer Rentnerin, Pensionär oder Pensionärin. Ich mache das in keinster Weise vom privaten oder beruflichen Erfolg abhängig, sondern sehe jede Person als das, was sie jetzt gerade ist: Mehr oder weniger glücklich, mit einer einigermaßen zufriedenstellenden Gesundheit und mit dem Willen, die Aufgaben, die im Rahmen des Alters noch schaffbar sind, zu erledigen. Wenn dazu nunmal eine beige Windjacke gehört, dann ist das eben so.Und wenn dazu die ollen Kamellen vom Adolf gehören, dann ist das auch so! Einen Grund, diese Tatsache bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit hervor zu stellen sehe ich darin jedenfalls nicht.

Und wenn dazu gehört, den Rasen am Samstag um 07:30 Uhr zu mähen oder die Hecke zu schneiden, dann sage ich mir: Es gibt Schlimmeres!

Das bedeutet jetzt aber nicht, dass ich an der Einkaufkasse alle Rentner vorlasse :-))

Gruß witheboard

5 Gedanken zu „Beige Windjacken und Vorurteile

  1. textexter

    Ach witheboard, Du armes Hascherl,

    Du verstehst es nicht. „Beige Windjacke“ steht einfach für ein Kleidungsstück, Kluft einer großen Bevölkerungsschicht vornehmlich älterer Bauart. Das ist weder abwertend noch diskriminierend sondern schlicht dem Umstand geschuldet, daß die „beige Windjacke“ manchmal auch eine Geisteshaltung symbolisiert. Manchmal. Nicht immer. Denn Windjacken gibt es auch in gelb, kackbraun, rotrot oder Waldgrün.

    Und schließlich trägt der politische Überflieger der Neuzeit, der iranische Präsident Ahmadineschad ebenso wie damals Erich Honecker aus der DDR was? Eine „beige Windjacke“. Siehste.

    Wie schrieb doch die „taz“ am 1.12.2008:

    Man sieht sie überall, sie wirken freundlich und harmlos und sind aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken: Rentner und Senioren. Und allesamt tragen sie ausschließlich Windjacken und Anoraks im sogenannten Rentnerbeige. Ganze Wissenschaftszweige beschäftigen sich schon mit diesem Phänomen. Der vorherrschenden Theorie zufolge, trägt jeder Mensch ein gewisses Beige-Gen in sich, das, sobald der Betroffene ein bestimmtes Alter erreicht hat, aktiv wird, und den Rentner bei der Auswahl eines neuen Kleidungsstücks mit traumwandlerischer Sicherheit nach einem beigen Anorak oder einer beigen Jacke greifen lässt.

    Also whiteboard, wenn Du demnächst mal wieder Deinen SV mit Lebensgefährtin zur „Sammelstelle“ bringst, dien ihnen doch mal eine graue Windjacke an. Ob man sie dann mitnimmt?

    Wenn wir hier Dinge aufspießen, überhöhen oder satirisch betrachten hat das weniger mit den „Vorurteilen“ zu tun, ohne die wir Menschen gar nicht einigermaßen angstfrei existieren könnten sondern eher dem Spaß, den „Eulenspiegel“ vorzuhalten. Ansonsten könnte man es ja mit Adolf H. halten, der mal gesagt haben soll: „Wer nicht für mich ist, wird als unwert verschwunden“.

  2. witheboard

    Ich sehe das zwar immer noch anders, nämlich auf „die Person“ bezogen, kann aber hiermit leben:

    Zitat:
    Wenn wir hier Dinge aufspießen, überhöhen oder satirisch betrachten hat das weniger mit den “Vorurteilen” zu tun, ohne die wir Menschen gar nicht einigermaßen angstfrei existieren könnten sondern eher dem Spaß, den “Eulenspiegel” vorzuhalten
    Zitat Ende

    In diesem Sinne soll es jetzt gut sein

    Gruß witheboard

  3. blitzmerker

    Jacke hin oder her, Altwerden allein ist noch keine Lebensleistung. Daher kein bedingungsloser Respekt von meiner Seite für die Ratzingergeneration.

    Merke: Man kann schwul sein und trotzdem ein Arschloch. Das gilt entsprechend auch für andere persönliche Merkmale.

  4. textexter

    whiteboard, es sei zum Thema noch angemerkt, daß die „angesagten Marken“ mit H davor usw. durchaus auch für die Generation, die sich für „stilbildend“ hält, extrem beige Jacken anbietet. Teilweise sogar mit Rallyestreifen 🙂

  5. Happydigger

    Die „Generation Beige“ ist inzwischen als topic auch bei den Kabarettisten angekommen.

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