Eines langen Tages Reise in die Nacht

canoneos1-2511-001.jpg

Schon früh fuhr er gestern los, die Nebel lagen noch über der A 2 bei Bielefeld und später auf der A 33. Ziel war das Rhein-Main-Gebiet und da eine kleinere Stadt vor den Toren der Äbbelwoi-Metropole. Ein Staatsbad, das sich der größten Millionärsdichte der Republik rühmt und deren Einwohner häufiger beim Überschreiten ihrer Promenaden wegen zu hoch gehaltener Nasen ins stolpern geraten. Der Anlaß war ein trauriger, ein kurzer Abschiedsbesuch bei jemand schwer Krankem, den er schon Jahrzehnte kennt. Ein „güldenes M“ hielt ihn wegen knurrenden Magens in Höhe Kassel kurz auf. Nein, die amerikanische Bulettenbratkette hat ihre Qualität nicht erhöht. Keine Chance, dem Massengeschmack, der vom Zugucken bei Mälzer, Lafer und Co. (Satire!) geprägt und geformt ist, offenbar deckungsgleich kompatibel.

canoneos1-2511-002.jpg

Bevor er seinen traurigen Gang antrat, lenkte er die Schritte noch in einen Delikatessenladen. „Original Frankfurter Grüne Sauce“ sollte es sein. Die echte mit den sieben Kräutern der Saison, aus dem weißen Papier mit der grünen Schrift. An der Kasse fiel ihm einer jener in der Häufung typischen Einwohner des Mittelstädtchens auf. Wohl ein schnieker Anwalt oder Heuschrecken-Consultant, von Kopf bis Fuß auf Dresscode eingestellt, das Rezept „Hauchfein sautierte Wachteln an Wildlachs mit Kremonenjus von der laufenden Flugente“ schon innerlich repitierend. Eine Menge Spezereien lagen am Band vor der Kasse, die ein junger Mann bediente. Als die Forderung die 100 Euro weit übertraf, warf er drei Scheine aufs Band und maulte: „Verdammt teuer“, stopfte die Dinge in ein politisch korrektes Jutesäckchen, das so gar nicht zu seinen Ludwig-Reiter-Tretern passen wollte und stob vondannen. Nicht ohne eine eloquente ältere Badestädterin („Ei Bübscher, pass dochemol uff“ noch kurz vor der Rolltreppe rempelnd abzufangen. In diesem Ort, der einmal sein „Zuhause“ war, könnte er heute nicht mehr leben.

Das Treffen in einem altbekannten Café („Wir haben schon Königin Viktoria Torte serviert“) war kurz und gezeichnet von großer Körperschwäche und sichbarem Medikamentengebrauch des Gegenüber. Jener Mensch hatte sich durch die Krankheit innerhalb von nur 5 Monaten so dramatisch verändert, das er zunächst sogar am Ecktisch mit Blick auf den Staatswald vorbeiging. Er bekam keinen Bissen herunter, trank lediglich einen Kaffee. Der Gesprächspartner nippte am stilen Wasser. Früher konnte es um diese Zeit schon einmal ein kräftiger Bordeaux sein. Beim Abschied flüsterte dieser früher so starke, über allen Dingen selbstgerecht-erhabene Mensch nur leise: „Das war sicher unser letztes Treffen“. Leise ging er hinaus. Trotz aller Differenzen in all den Jahren konnte er ein paar Tränen nicht vermeiden. All das große materielle Gut, die finanzielle Versorgtheit und das Privileg, in dieser Hochburg des goldenen Kalbes feudal wohnen zu können, hatten die unheilbare Krankheit nicht aufhalten können.

Er mußte schnell weg von hier. Und doch hatte er sich geschworen, auf der Autobahn nach Bielefeld mit dem bewußt gewählten kleinen Fahrzeug nur max. 130km/h zu fahren. Was wiederum bedeutete, das die Riesenkühler mit den vier Ringen sich auf dem Weg nach Teutoland immer häufiger auf die hintere Stoßstange bohrten. Was war das doch für eine entspannte Zeit, als BMW-Nieren, Mercedes-Sterne oder Porsche-Embleme noch dezent lichthupten.

Er überquerte problemlos dank Schengener Abkommen die hessische Staatsgrenze nach Nordrhein-Westfalen irgendwo auf der Sauerlandlinie und schaltete den Kölner Sender ein. „Bundesliga-Reportagen“. Immerhin spielte ja Arm. Bielefeld beim VfL Bochum. Und der WDR spielte in der Pause Grönemeyers Hit:

weiss nicht wie mir geschieht
wärm mich an deiner stimme
leg mich zur ruhe in deinen arm
halt mich, nur ein bißchen
bis ich schlafen kann

canoneos1-2511-005.jpg

Nach wenigen Minuten bereits lagen die Blauschwarzen hinten und spielten als Team unauffällig und individuell fehlerhaft wie meist auswärts. Die Dunkelheit brach herein. Plötzlich stand der Mond hell und klar über dem blauen Schild, auf dem in weißer Schrift stand „Bielefeld“.

canoneos1-2511-007.jpg

Dann war das Spiel in Bochum aus. 0:3 verloren. Traurig wie meist. Er rollte langsam auf die heimische Garage zu. Der Hund stand am Gartentor und jaulte freudig. Drinnen hatte sie Gulasch und Klöße fertig. Als er in das Haus trat, dachte er etwas theatralisch: „My home is, where my heart is“. Und das ist hier. Wo Brachflächen, Schnellabriß und westfälische Eigenheiten das Leben prägen. Das aber wohl immer noch ziemlich normal ist gegen das, was das Städtchen am Taunus „zelebriert“.

Heute wird er die grüne Sauce bereiten mit gekochtem Fleisch und Salzkartoffeln. So, wie es schon Goethe mochte, der dem Hessischen auch für immer den Rücken gekehrt hatte. Ob der Dichterfürst das Badestädtchen intensiver kannte, weiß er nicht.

Es war wirklich „eines langen Tages Reise in die Nacht„.

canoneos1-2511.jpg