B wie Bielefeld in Reclams „Best of öde Orte“

BielefelderInnen, die ihre geburtlichen Wurzeln hier haben, laufen rot an, zitiert man aus Reclams kleinem Heftchen „Best of öde Orte“ jene Passage, die sich mit Anton Tschechows Bielefelder Durchfahrt 1904 mit der Eisenbahn befasst. Zitieren wir also einfach mal Fritz Tietz, der diesen gar köstlichen Text verfasst hat:

„Als Anton Pawlowitsch Tschechow am 8. Juni des Jahres 1904 mit der Eisenbahn von Berlin nach Badenweiler im Schwarzwald reiste (wo der bereits schwerkranke russische Schriftsteller wenige Wochen später verstarb), passierte er, über die Ost-West-Schiene via Ruhrgebiet fahrend, auch das auf halber Strecke zwischen Hannover und Dortmund gelegene Städtchen Bielefeld, in dessen Bahnhof es einen fahrplanmäßigen zehnminütigen Aufenthalt gab. Durch seine ihn begleitende Ehefrau Olga ist überliefert, daß Tschechow kurz hinter Hannover von der Reisemüdigkeit übermannt worden und eingeschlafen war, so daß er von Bielefeld zunächst keinerlei Notiz nahm. Erst während der Fahrt durch die gut 30 Kilometer hinter Bielefeld auftauchende Ortschaft Gütersloh sei er erwacht und habe sich über den für einen Russen gleichsam exotisch anmutenden Namen „Gütersloh“ sehr amüsiert gezeigt. Daraufhin sei er jedoch von Gattin Olga auf die soeben durchfahrene Stadt aufmerksam gemacht worden, deren Name, Bielefeld nämlich, einen, wie sie meinte, noch weitaus ulkigeren Klang besäße. Tschechow habe dem vorbehaltlos heiter zugestimmt, ehe er erneut in die Sitzpolster gesunken sei, um sich eine weitere Mütze Schlaf zu gönnen.

Nachzulesen ist diese kleine Episode in einer Broschüre, die, vom Bielefelder Heimattümler A. Liebold herausgegeben, mit „Unser schönes Bielefeld in der Literatur der Welt“ betitelt und immerhin zwölf Seiten stark ist. Das vermutlich einzige noch erhaltene Exemplar dieses Anno 1930 im Selbstverlag erschienenen historiographischen Kleinods befindet sich in der Stadtbibliothek an der Bielefelder Wilhelmstraße, wo es der literaturgeschichtlich Interessierte unter Aufsicht einsehen, natürlich aber niemals ausleihen kann. Ohne Probleme bekommt er dafür Die Illustrierten Jahresberichte des Statistischen Vereins zu Bielefeld ausgehändigt, die darüber hinaus auch in Buchhandlungen, Tabakgeschäften und einigen Kaufhäusern zahlreich zur kostenlosen Mitnahme ausliegen. “

Und weiter unten heißt es:

„Die ersten Bürger Bielefelds waren Strauchdiebe und Wegelagerer aus den umliegenden Teutoburger Wäldern. Durch die Gründung einer „Ehrbaren Zunft der Kaufmannschaft“ gaben sie sich zwar den Anschein von Seriosität, wickelten ihre Geschäfte jedoch weiterhin nach bewährter Methode ab, also durch Betrug, Raub und Trickgaunerei. Da hat sich bis heute nicht viel geändert.“

Meine Herrn, starker Tobak unter der Sparrenburg. Hoffentlich spannt jetzt nicht David seine Zwille….

2 Gedanken zu „B wie Bielefeld in Reclams „Best of öde Orte“

  1. Axel

    Leider haben wir nicht mehr den Merkurbrunnen auf dem Alten Markt. Denn Merkur (lat. für Hermes) war nicht nur Gott der Kaufleute und Wanderer und Hirten, sondern auch Gott der Diebe.

    Tja, das war schon gut zu wissen. 😉

  2. kobimex

    der gute Mann hätte mal AUSSTEIGEN sollen und sich die Stadt anschauen sollen! Anstatt sich auf die Berichte seiner Ehefrau zu verlassen, die Bielefeld auch nur im Vorbeifahren gesehen hat…

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