Nichts los in der Welt

„Merkwürdig, dass immer genau so viel in der Welt passiert, wie in die Zeitung passt.“ Manchmal denke ich, dass das gar kein Witz ist, sondern Realität. Und wenn dann doch mal weniger passiert, die Zeitung aber ohne leere Seiten erscheinen soll, dann ruft der Chefredakteur der NW, Thomas Seim in Berlin an und bittet seine Korrespondentin Alexandra Jacobson um etwas heiße Luft.
Gestern muss wieder so ein Tag gewesen sein. Bis in den späten Nachmittag hatte die gesamte Redaktion vor den Nachrichtentickern gesessen und verzweifelt gehofft, irgendetwas möge sich rühren. Stundenlang nichts, nur lähmende, gespenstige Stille.
Endlich erhob sich Seim: „Scheint nichts mehr zu passieren. Muss ich wohl oder Übel in Berlin anrufen,“ stöhnte der schwer Geprüfte.
„Klar Chef mache ich,“ Alexandra war begeistert, „Terrorrismus würde ich vorschlagen. Is‘ grad überall der Straßenfeger. Wie gewohnt , bißchen Background,   Authenzität durch viel wörtliche Rede. Dreiviertel Seite plus Kommentar. Geht Klar Chef!“
Alexandra legte den Hörer auf, öffnete die Schubladen „hirnloses Gequatsche“ und „absoluter Blödsinn“ ihres Archivschränkchens, nahm ein paar Zettel heraus und mischte sie kräftig durcheinander. Danach legte sie die Zettel sauber nebeneinander auf der Schreibtischplatte aus und begann,  die Texte darauf einen nach dem anderen abzuschreiben.
Noch ein paar Bindeworte, ein bisschen Interpunktion. Dazu ein paar aufgeblasenen Fotos von der Agentur, fertig war der Artikel.
Am anderen Morgen, beim Studium des Bielefelder Massenblattes, staunten die tumben Ostwestfalen nicht schlecht über einen Artikel ohne jeden Inhalt aber mit viel heißer Luft.

3 Gedanken zu „Nichts los in der Welt

  1. Dougan

    Ohne irgend wem bewusst oder unbewusst auf den Schlips treten zu wollen, doch wer braucht im heutigen Kommunikationszeitalter noch das morgendliche Printmedium mit Meldungen, welche sich als von gestern herausstellen, sobald man Rechner, Handy, Fernseher und Videotext anmacht?

    Doch im Grunde nur noch ältere Menschen. Es ist zwar zutreffend, und wird auch bis zum Ende des „Papierzeitalters“ so sein, daß ein handfestes Buch und eine Zeitung beim Frühstück oder auf der Liege oder dem Sofa besser und gemütlicher sind, als digitales, doch wer wundert sich noch über Sachen wie oben beschrieben?

  2. textexter

    …und das, lieber notepicker, kann unsere Alexandra bekanntlich besonders gut. Ja was sage ich, keine Berlin KorrespondentIn kann das so gut. Schließlich hat unsere Alexandra direkten Zugang zum Seiteneingang der Kanzleuse. Ein Pickert in Ehren ist da schon mal drin. Wenn wir demnächst in Berlin sind, bringen wir ihr eine Extrapackung Pickert aus dem Norden der Metropole mit.

  3. herostratos

    Sie recherchieren lausig….sie suchen nicht…sie finden nicht…aber der himmlische Vater ernährt sie doch 🙂

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