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Nov '08

Denkanstösse. Auch für Bielefeld

Noch einmal die Frage: Warum ist unsere Gesellschaft so unbefriedigend, obgleich heute alles, was einen Rechtsstaat ausmacht, gewährleistet ist? Warum treten die Leute aus der Kirche aus? Warum verlieren Parteien und Gewerkschaften angestammte Mitglieder? Warum schimpfen die Bürger auf die Politiker und die Politiker auf die Medien? Kurz gesagt: Warum so viel Frust, wo es doch den meisten so gut geht wie nie zuvor? Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Wir stehen zweifellos an einer Zeitenwende, die durch Globalisierung, Computertechnologie und elektronische Informations - praktiken gekennzeichnet ist und die wahrscheinlich grössere gesellschaftspolitische Veränderungen verursachen wird als seinerzeit das Hereinbrechen des technischwissenschaftlichen Zeitalters. Konkrete Probleme hat es immer gegeben. Heute aber gibt es noch etwas anderes, etwas Unwägbares, ganz und gar Unkonkretes, was die Menschen bedrückt, oft ohne dass sie sich darüber Rechenschaft geben. Alles Metaphysische, jeder transzendente Bezug ist ausgeblendet, das Interesse gilt ausschliesslich dem wirtschaftlichen Bereich: Produzieren, Konsumieren, Geldverdienen. Eine Zeitlang war das ganz schön, aber dann spürten plötzlich viele: dies kann doch nicht der Sinn des Lebens sein.

Marion Gräfin Dönhoff: “Zivilisiert den Kapitalismus” 1997.

Dieses Buch der ehemaligen ZEIT-Herausgeberin ist überaus lesenswert, nimmt es doch Entwicklungen vorweg, die dieser Tage zum konsternierten und kopflosen Herumrennen und Handeln unserer Politiker geführt haben.

In den USA sagt der kommende Präsident Barack Obama: “Wir schaffen 2,5 Millionen neue Arbeitsplätze”.
In Deutschland sagt die verwelkte “Rose der Uckermark”: “Es wird alles noch viel schlimmer. Ojemninee. Ich weiß nicht mehr weiter”.

Das ist der Unterschied. Zurück zu Marion Gräfin Dönhoff. Es wird eine interessante Woche. Auch in Bielefeld.

Dieser Eintrag wurde verfasst am Montag, 24. November 2008 um 06:18 und in der Kategorie Allgemeines und Sonstiges abgelegt. Antworten auf diesen Beitrag kannst du mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst außerdem einen Kommentar abgeben oder einen Trackback von deinem Blog senden.

5 Kommentare zu “Denkanstösse. Auch für Bielefeld”

  1. blitzmerker meint:

    Aha, und die Gräfin würde stattdessen durch Metaphysik und Transzendentalismus Manna und Arbeitsplätze vom Himmel fallen lassen, vielleicht mit Jos. Ackermann als Weihnachtsmann?

    Mit sowas haben ihresgleichen schon früher die Leibeigenenen auf das Himmelreich vertröstet, wenn sie nach Brot und Freiheit frugen.

  2. textexter meint:

    Von Jupp Ackermann hat die Gräfin bekanntlich wenig gehalten ….. Offensichtlich haben Sie das Buch nicht gelesen.

  3. blitzmerker meint:

    Stimmt, aber das tut nichts zur Sache.
    Durch das groteske Bild wollte ich die Vergeblichkeit des Ansatzes zum Ausdruck bringen. Ackermann und Co. sind Realität, jedenfalls bis zur Revolution, das ändert keine Perle und keine seltsame Gräfin.

  4. herostratos meint:

    Es gibt heute nicht mehr oder weniger Frust als zu anderen Zeiten - weil sich seit 10.000 Jahren nichts wesentlich geändert hat. Ob technisch-wissenschaftliches Zeitalter mit Globalisierungstheater oder Steinzeit - Tatsache war, ist und bleibt vorerst, dass sich stets eine Minderheit zu Lasten einer Mehrheit bereichert - sei es durch Gewalt, sei es mit Hilfe von systemimmanenten Gesetzen. Die einen schaffen, die anderen raffen.

    Und immer ist es eine Kaste, die den Ton angibt - früher der graumelierte, muskelbepackte Oberaffe mit Familie, dann der nicht selten durch Gewalt und Raub zu Wohlstand gekommene Adlige (siehe z.B. die Seeräuberfamilie Grimaldi aus Monaco oder die Großgrundbesitzer Fürsten von Waldburg-Zeil, die ihre Riesenländereien im Süden nach grausamster Unterdrückung des Bauernaufstandes anno 1525 von Karl V. als “Belohnung” erhalten hatten, siehe dazu allergenüsslichst auch http://www.manager-magazin.de/koepfe/unternehmerarchiv/0,2828,312815,00.html) und nach der bürgerlichen und industriellen Revolution eine mehr oder weniger “sozial” eingestellte Unternehmerschaft, gestützt durch eine willfährige Politikerkaste, die ihren Privilegien-Freunden bereitwillig in die Tasche wirtschaftet.

    Na? Klingt irgendwie nach kommunistischer Neidhammel-Ideologie???! - Ist’s aber nicht, denn: So banal ist sie, die Realität.
    Da wär doch mal wieder ein ordentlicher Aufstand geboten, um die Situation für einige Zeit zu klären…;-))) Bloß, s’ist derzeit keiner da, der sich auf eine Barrikade stellen möchte..und mit den SED-verseuchten Schwachköpfen von “Die Linke” kann man allenfalls nur wieder klein-klein-bourgeoise Betonkopfdiktaturen erreichten. Also Leben heißt: “Leben mit dem Frust”!

  5. textexter meint:

    :-)) Schon richtig. Wobei ich das Gefühl habe, die Parteien nähern sich immer mehr an. Bis zur Inhalts - und Gesichtslosigkeit. Eines Tages haben wir dann die Einheitspartei wieder. Der Rest kann sich ja als “Blockflöte” anschließen. Ein Muster, wie das geht, gabs ja schon auf deutschem Boden.

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