
Wer immer schon einmal wissen wollte, was der Nikolaus nach dem 6. Dezember treibt, dem sei eine Reise nach Bielefeld empfohlen. Im Herzen der Altstadt, direkt neben dem Kirchturm, entspannt sich der Herr im roten Rock in einem komfortablen Eigenheim. Weil er es mit der Gastlichkeit sehr genau nimmt, bewirtet er seine Gäste auf dem Bielefelder Weihnachtsmarkt fürstlich – und das spricht sich herum! 2007 wünschte sich sein Londoner Berufskollege ein baugleiches „House of St. Nicholas“. Das Bielefelder Schaustellerehepaar Christina und Ewald Schneider erfüllte den Wunsch des korpulenten Mannes prompt: Seit 2008 ist das Bielefelder Double die Attraktion im „Winter Wonderland“ im Londoner Hyde Park.
Noch vor sechs Jahren gab es in ganz Bielefeld keinen einzigen Stand, an dem der durchgefrorene Weihnachtsmarktbesucher eine Feuerzangenbowle bekommen konnte. „Nur dieses Getränk anzubieten, reichte uns nicht. Wenn, dann wollten wir weitere Anreize setzen, damit die Leute bei uns Halt machen“, erinnert sich Christina Schneider. Entstanden ist das „Haus vom Nikolaus“ – ein stattliches Gebäude-Ensemble auf Holzboden, der lästiger Fußkälte keine Chance lässt. Im Imbiss brutzeln Käsekrainer, Krakauer und Steaks über dem Buchenholzgrill, gegenüber gibt es Feuerzangenbowle nach Schneiders Geheimrezept. Dazwischen feiern Vereine und Clubs ihre Weihnachtsfeiern im „Kaminzimmer“. Den Slogan „Schau rein zuhaus beim Nikolaus und komm in Weihnachtslaune raus!“ nehmen die Bielefelderinnen und Bielefelder wörtlich: Allabendlich herrscht bei Schneiders dichtes Gedränge. 2007 mischte sich ein Veranstalter des Londoner Weihnachtsmarktes „Winter Wonderland“ unter die Gäste. Auf der Suche nach dem typisch deutschen Weihnachtsmarktgefühl war er von Dresden bis Nürnberg unterwegs gewesen und fand in Bielefeld, was er suchte: Das „Haus vom Nikolaus“ mit Rentierschlitten und Wasserrad, mit Schindeln auf dem Dach und dampfenden Getränken aus dem Tontopf. „Wir haben ihm die exakte Kopie für den Hyde Park versprochen“, berichtet Christina Schneider. „Das Haus vom Nikolaus ist größtenteils in Eigenleistung und Handarbeit entstanden und so haben wir es auch mit dem Londoner Modell gehalten.“ Kurioserweise entstanden die Häuser im Tiroler Stil mit Unterstützung eines Budenbauers aus Kiel.
Verladen auf sechs große Sattelschlepper ging das „House of St. Nicholas“ 2008 erstmals auf die Reise. „Wir nehmen alles, was gebraucht wird, aus Bielefeld mit. Sogar das Holz für den Grill“, erklärt die 40-jährige Schaustellerin. „In der rush hour brauchen Sie zwei Stunden bis in die Londoner Metro, das kann man getrost vergessen.“ Der organisatorische Aufwand ist gigantisch. „Im Oktober waren wir noch mit unserem Freifallturm in Basel unterwegs. Unsere Telefonrechnung für die London-Organisation belief sich auf 3.000 Euro.“
Christina Schneider repräsentiert die neunte Generation einer Düsseldorfer Schaustellerfamilie. Ewald Schneiders Vater Walter war lange Jahre 1. Vorsitzender des Bielefelder Schaustellervereins und entstammt einer Schaustellerfamilie, deren Wurzeln sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. „Mein Mann hat angefangen, sich mit einer Luftballon-Verpackungsmaschine auf den Weihnachtsmarkt zu stellen. Von dem ersten verdienten Geld hat er mir einen Ring zu Weihnachten geschenkt“, sagt Christina Schneider lächelnd.
Gewöhnlich geht das Paar gemeinsam auf Tour. Während der Weihnachtsmarktzeit hält sie Stellung in Bielefeld, er in London. „Heiligabend fliege ich rüber. Nach Weihnachten wird getauscht, damit mein Mann in Bielefeld abbauen kann.“ Das ganz normale Schausteller-Schicksal? „Nein, ganz sicher nicht. Wir haben drei Kinder und am 24. Dezember in London Glühwein zu verkaufen, das finde selbst ich schlimm.“
Das „Winter Wonderland“ in Londons grüner Oase erstreckt sich entlang der festlich beleuchteten Serpentine Road. „House of St. Nicholas” ist die erste Station nach dem Eingang. „Unser Speisenangebot haben wir nicht übersetzt“, berichtet Christina Schneider. „Dann wäre der Reiz des deutschen Weihnachtsmarktes ja weg.“ Die Erfahrung der Fachfrau zeigt, dass Engländer auf deutsche Würstchen und deutschen Glühwein stehen. Bei der Feuerzangenbowle sind sie zurückhaltender. „Trotzdem ist der Londoner Weihnachtsmarkt abends die reinste Party!“
Christina und Ewald Schneider kommt das gelegen. Sie haben ein Händchen dafür, den Weihnachtsmarktbesuch zum Event zu machen. Wenn in Bielefeld der Zuckerhut über dem großen Kupferkessel angezündet wird, geht das Licht aus und eine Glocke schellt. Kinder können ihren Wunschzettel in den roten Briefkasten stecken, der vom Nikolaus persönlich geleert wird. Dann wird gesungen, vielleicht ein Gedicht aufgesagt und ein Geschenk gibt es natürlich auch. Wenn der Mann in Rot einmarschiert, geht die Schneemaschine an – „aber das tut sie auch, wenn einer eine Runde ausgibt“.
2009 hat das Ehepaar einen sprechenden Elchkopf für ihr Haus vom Nikolaus angeschafft. Als der Bielefelder Weihnachtsmarkt eröffnet wurde, hatte „Horst“ schon eine ungeplante Reise hinter sich. Sein Doppelgänger schmückt das „House of St. Nicholas“ in London und beim Verladen waren beide verwechselt worden. Christina Schneider schmunzelt: „Das hätte um ein Haar ernsthafte Verständigungsschwierigkeiten gegeben. Horst spricht doch nur Deutsch!“ Quelle: Bielefeld-Marketing
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