In der Ausgabe vom 12.11.2009 (S. 3) berichteten Hubertus Gärtner und Stefan Schelp über die Betrugs-Anklage der Staatsanwaltschaft Bochum gegen den Rhedaer Wurstfabrikanten Clemens Tönnies. In dem Fünfspalter erfährt der Leser wenig über die Betrugsvorwürfe der Staatsanwaltschaft – es geht darum, dass die Firma Tönnies offenbar zu wenig Rindfleisch in ihr gemischtes Gehacktes getan hat, das über Discounter wie Aldi und Lidl vermarktet wurde. Stattdessen erfahren wir, dass seine Familie Tönnies am wichtigsten sei, dass er Emotionen zeigt, dass seine Frau Kinderhospize und zwei Familien mit schwerkranken Kindern unterstützt, dass Tönnies die Staatsanwälte für „Laienpriester“ hält, dass sein Bruder mit 44 Jahren gestorben ist, dass Clemens ihm auf dem Sterbebett versprach, sich an seiner Statt um den Fußballverein Schalke 04 zu kümmern, dass Tönnies Putin ein Schalke-Trikot überreicht hat, Oliver Kahn nach Gelsenkirchen holen wollte und Gerhard Schröder kennt. Und natürlich die übliche Schmonzette in der Hälfte aller Herrengeschichten: Dass er einmal klein angefangen habe, mit Knochenarbeit. (In der anderen Hälfte heißt es, dass der Herr es als Jüngling entsetzlich schwer gehabt habe, sich gegen seinen übermächtigen Vater zu behaupten…)
Kein Wort über den rätselhaften Tod des Kronzeugen. Kein Wort über Sklavenarbeit und Hungerlöhne im Hause Tönnies, die nur deshalb nicht mehr angeklagt werden, weil die Betroffenen zu viel Angst haben, um als Zeugen gegen den Herrscher aufzutreten. (Wo ist übrigens der mutige NW-Reporter, der sich traut, in diesem Sumpf zu recherchieren?) Und natürlich kein Wort über das perverse Gewerbe des Herrn Tönnies als solches: die alltägliche unvorstellbare Tierquälerei in den „Schweine-KZs“ und Tiertransportern, aus denen das Billigfleisch stammt, das Tönnies verarbeitet.
Was meinen Gärtner und Schelp damit, wenn sie einen Satz hinschreiben wie diesen: „Auch als Fabrikant, in dessen Betrieben jährlich mehr als acht Millionen Schweine geschlachtet … werden, zeigt er Emotionen.“ Sollte Tönnies tatsächlich Mitleid mit den armen Schweinen haben, die er täglich verwursten lässt? Oder wollten die Autoren andeuten, dass er eigentlich solche Emotionen haben sollte? Auf dem Foto daneben sehen wir das perverse Riesensignet über Tönnies’ Wurstfabrik in Rheda-Wiedenbrück: ein fröhliches Rind und ein glückliches Schwein, die es offenbar gar nicht erwarten können, sich in die Fleischwölfe des Herrn Tönnies zu stürzen.



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