
Auch wenn die mächtigste Frau des Universums, ach des gesamten bekannten Weltalls, in Bielefeld bei Schüco (Das sind die, die der Alm ihren Namen verpassten) referiert, klingt es eher präsidial. Die Worte sind bekannt, die Aktionen ebenfalls. Einfliegen, Hände der artigen anwesenden Unternehmer (gehört sich ja wohl auch so) schütteln, Nettigkeiten über das in Nordrhein-Westfalen politisch derzeit ziemlich abgehängte Ostwestfalen-Lippe wie “ein starkes Stück Deutschland” sagen und ansonsten halt Gastgeschenke wie einen Schüco-Solarrucksack in Empfang nehmen. Das war damals bei GAZgerd auch nicht viel anders, nur war der rhetorisch weitaus stärker ohne Wesentliches zu sagen. Machen Politiker ja meist.
Da klingt dann der Kommentar des Westfalen-Blattes wie ein untertäniger, ja fast schon unterwürfiger Hofknicks gegenüber der Kanzlerin. Sind ja schließlich auch in ein und derselben Partei:
Wenn die »mächtigste Frau der Welt« (Forbes-Magazin) kommt, ist Ostwestfalens Unternehmer-Elite angetan und hoch interessiert. Beim Treffen von Angela Merkel und 41 heimischen Managern war gestern auch hinter verschlossenen Türen stets klar, wer die Hosen anhatte. Kein Widerspruch, schon gar nicht Beschwerden der Praktiker an die Adresse der da oben im fernen Berlin: die Kanzlerin kam, sagte klar an und siegte bei den heimischen Damen und Herren der Wirtschaft, weil sie zuhörte, Kompetenz bewies und allen das Gefühl von gemeinsamer Verpflichtung für das große Ganze (auf)gab. Voller Begeisterung über den klaren Führungsstil und die Detailkenntnis der Kanzlerin zeigten sich hinterher die heimischen Manager. Und Merkels Urteil zählt. Nicht umsonst darf die Wirtschaft Ostwestfalen-Lippes stolz auf seine versteckten Meister sein. Zu »Hidden Champions« in großer Zahl gratulierte Merkel höchst persönlich. Übereinstimmend berichteten Teilnehmer hinterher von konzentrierter Diskussion und fruchtbarem Meinungsaustausch, solange die Chefin der Deutschland AG am Kopfende der Manager-Runde residierte. Das spricht für die guten Manieren der ostwestfälischen Gesprächsteilnehmer, aber es sagt noch sehr viel aus über den glasklaren Regierungsstil Angela Merkels. Formal ging es um die Wirksamkeit des jüngsten Konjunkturprogramms. Merkel wollte wissen, wie die einzelnen Elemente greifen. Dabei war nicht ein einziges Mal vom Wahlkampf die Rede, und dennoch dürfte auch dieser Besuch Stimmensammlung auf der ganzen Linie gewesen sein. Selbst Merkels glückloser Gegenkandidat Frank-Walter Steinmeier wurde lobend erwähnt – wegen seiner Iran-Politik. Während der Vizekanzler gerade erst begonnen hat, eine »Allianz für den Mittelstand« zu schmieden, sprach die Unionschefin gestern bereits demonstrativ vom erfolgreichen Abschluss ihrer Mittelstandstour durch die Bundesrepublik in Ostwestfalen-Lippe. Auf das Fachgespräch in Bielefeld folgten gestern noch ein Besuch im münsterländischen Greven, ein Rede vor Tengelmann-Mitarbeitern in Mülheim und eine CDU-Wahlkampf-Kundgebung in Münster. Heute steht der Heimatwahlkreis Rügen auf dem Programm. Und alles sieht danach aus, dass sie ihren Schmuse-Wahlkampf fortführt. Steinmeier keilt (»Arbeitslose sind ihr egal«), Müntefering vergisst sich (»Frau Merkel, kommen Sie aus Ihrer schwarzen Ecke«), aber die Mutter der Nation bewahrt ruhig Blut. Das gefällt den heimischen Wirtschaftsführern. Sie haben Merkel bestärkt, mit der Sacharbeit fortzufahren. Die Kanzlerin hat verstanden. Es komme jetzt darauf an, schnell aus dem tiefen Konjunkturtal herauszukommen, zeigte sie sich am Ende des Bielefelder Gesprächs voll beschäftigt. Deutschland liege ganz gut im Rennen. Wer will da die Pferde wechseln?
Wer die “Pferde wechseln möchte”, liebes Westfalen-Blatt? Nun, all die zig Millionen, die nach der Wahl das ausbaden müssen, was jetzt verschwiegen wird und extrem viel Steuergeld kostet. All die, die mehr denn je in Niedrigstlohn gedrückt werden, all die, denen ihr knappes Hartz 4 weiter gekürzt wird, all die, die zukünftig höhere Mehrwertsteuersätze auf Lebensmittel etc. zahlen werden. All die, die von der schreienden Ungleichverteilung der Vermögen im charakterlosen Turbokapitalismus nicht profitieren. Also geschätzte 80% der Bevölkerung. All die, die keine Lust haben, dem Volk als “systemimmanent” verkaufte Hütchenspielerbanken weiter mit Milliarden an Steuergeldern zu füttern. All die, die sich gegen 70% “gleichgeschaltete” neoliberal-einheitliche Presseberichterstattung nicht wehren können. Eine gewaltige Aufgabe, die sich nicht mit Übergabe und Entgegennahme eines Solarrucksackes und artigem Händeklatschen auch nur ansatzweise bewältigen läßt. Und Mittelstand wird ja wohl in Berlin-Mitte angesichts der flotten Daxe, Milliarden-Bankstützen und allerlei anderen Wohltaten für die größten Unternehmen gar nicht erst wahr genommen.
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