Bielefeld-Blog: Das Weblog von Bielefeldern für Bielefelder

Themen anzeigen:

April 2009
M D M D F S S
« Mrz   Mai »
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930  

Autoren gesucht - jetzt mitbloggen über deine Stadt!

So
5
Apr '09

Systemimmanent

systemimmant.jpg

Für alles, was derzeit angeblich “staatstragend” und “unverzichtbar wichtig” ist, haben unsere Politamateure ja einen Begriff geprägt. “Systemimmanent”. Den würde Hans-Rudi H. sicher auch bringen, befrüge man ihn zu dem unglaublichen Tempo, mit der die halbe Naharya gegenüber der Hauptpost bereits gesperrt, die Bagger im 6. Gang gejagt und in flottestem Behufe an Bielefelds sicher unwichtigster Baustelle gewerkelt wird. Die “Erweiterung der Stadthalle mit Ausstellungsfläche” treibt den genialsten Kopf der Stadt um. Er will Aussteller und Ausstellungen unter die Sparrenburg holen, die Zahl der Besucher damit steigern und wahrscheinlich zum größten Zuchtteckelaussteller der Republik avancieren. Fiberglas-Leineweber reichen nicht mehr. Wir haben da schon mal ein wenig in rot fotogeshoppt.

Ich habe noch keinen Bürger gesprochen, der sich für das Treiben interessiert oder eine Erweiterung der Stadthalle gut findet. Da muß man wahrscheinlich mit denen sprechen, die davon profitieren werden. Ist sicher ein kleiner, sehr elitärer Zirkel. Nichts für die doofe breite Masse, die so konsumselig die Bahnhofstraße bevölkert. “Dem Volk billige Fritten, uns die Filetstückchen”. Wie die CDU und BfB-Fans des Untersees, mit dem unbedingt die Johannisaue in Schildesche geflutet werden soll. Irgendwo hin muß “Entwickler” Möntmann ja seine geplanten Prachtvillen bauen.

Warum die Perspektiven diese Stadt so großartig klein machen

kunsthalle5.jpg

Das Carolinen Oetker-Stift ist ein Alterswohnstift der gehobenen Klasse. Natürlich gehören hier auch Kosmetikbehandlungen in unsere Angebotspalette. Dieser sehr modern ausgestattete Salon ist aber nicht nur für die Bewohner und Mitarbeiter des Hauses sondern auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Sagt der Kosmetik – und Frisurensalon Th. Martinschledde und betont seine Nähe zum “Gehobenen Wohnstift”. Jener Institution, die den Namen der Oberhäuptin des Clans trägt. Was es mit der Kaselowsky-Straße 2 auf sich hat, in der das Stift über der Stadt residiert, habe ich an anderer Stelle bereits beschrieben.

kunsthalle1.jpg

Nun ja. Der Blick geht von der Kunsthalle hinüber zum Johannisberg, das Stift lugt durch die langsam ergrünenden Bäume. Begeben wir uns weiter auf Perspektivsuche in dieser geduckten Metropole und schleichen am Schriftzug entlang, der auf Kunsthallenleiter Kelleins Intimfeind hinweist (“Frische Erdbeeren” werden schon annociert. Aber auf der frisch bepflanzten Terasse ist es noch fürs Löffeln zu kalt).

kunsthalle2.jpg

Ein Plastebälleken über dem Eingang des seltsam braunen Kastens weist auf die Ausstellung “1968. Die große Unschuld” hin. Warum auch immer. Gefallen hätte Spender Rudolf August O. das sicher wenig.

kunsthalle3.jpg

An Herny Moore, der die Plastik “Oval with white points” auf dem sattgrünen Rasen zwischen Halle und Ratsgymasium 1968/70 schuf, lag es sicher nicht, daß der Durchblick eine eher kleine Perspektive offenlegt.

Dann aber erreichen wir doch noch das eigentliche Symbol für das Verhältnis zwischen Kunsthallenstifter RAO und der Stadt Bielefeld, die sicher viele Male das mit einer gewissen Forderung an die unselige Vergangenheit belastete und belastende Danaergeschenk verfluchte. “Ferro Spezzato – Grande Curva 1976″ von Giuseppe Spagnulo. Zwei geborstene Platten in rostbraun streben auseinander, zerrissen. Ich erkläre es einfach einmal zu dem, was der Künstler sich wohl doch dabei gedacht hatte:

Die Arbeiten “zerbrochenes Eisen” stellen als Symbole das Zerbrechen geometrischer und von vornherein festgelegten Gleichgewichten (Keisen) dar oder das Eindringen des Schnittes als Teilung von Flächen und ihre Verwandlung (Diagonale/ Grande Curva). Die Idee dieser Arbeiten besteht in der kühlen Bestimmtheit des Bruches von Symbolen der gesellschaftlichen Perfektion.

kunsthalle4.jpg

Aber was ist die Kunsthalle Bielefeld schon gegen die Daueraustellung “Gelebter Realismus. Bonjour Tristesse”. Jener geballten Ansammlung unglaublicher Perspektiven, die Bielefeld gradezu zum “Florenz des 21. Jahrhunderts” machen. Lassen wir diesen “Jahnplatzdurchbruch mit roter Ampel vor Telekomhochhaus” einfach einmal wirken. Ist das nicht grandios? Lassen Sie sich bitte nicht ablenken, von den kühn geformten Wellblechdächern der Notunterkünfte für wartende Busreisende, die von hier den großen alten Norden mit Jöllenbeck oder den tiefen alten Süden mit Sennestadt erobern wollen.

perspektiven.jpg

Wem das Warten zu lang wird, der geht einfach rüber zu Deutschlands rundestem Currywurst-Stand und läßt die Blicke schweifen rüber zum Tor in die Altstadt, der Gehenge zwischen Sportscheck-Diretissima und dem Büdchen, wo Reinhard Mohn immer noch seine Buchclubberer abfängt. Dazwischen fängt bereits chinesischer Granit den Schritt des tändelnden Spaziergängers. Aber das ist ein anderer Gang durch die Perspektiven dieser Weltmetropole des Puddings.

currywurst-am-jahnplatz.jpg

Die nächsten Scharlatane

scharlatane.jpg
Aus einer heute erhaltenen Mail

Nachdem die charakterlosen, kriminellen Hütchenspieler ja von ihren freundlichen Kompaneros mit reichlich Steuergeldern und Boni wohl abgefüllt wurden, kommt die Zeit der nächsten Truppe. Die, deren Vorfahren schon zu Zeiten des Mittelalters “Ablaßbriefe” unters Volk trugen, fleißig kassierten und den Reichtum der ebenso charakterlosen und korrupten Kirche füllten, haben jetzt Hochzeit. Angefeuert von der Massenhysterie der Massenmedien greifen sie der Rouladenbraterin eigene Worte wieder auf. So kommt zusammen, was zwangläufig zusammenkommen muß: “Politische Dummheit + Schamlosigkeit + Charakterlosigkeit + Dümmliches Dahergeplappere”. Der Brei ist kompakt und dicht und wird täglich aufs Neue genährt. Damit auch der Letzte, Dööfste, Gleichgültigste begreift: “Deutschland ist ein Sanierungsfall” und “Staaten können pleite gehen”. Sagt Frau Dr. Murkel. Wer solche Führer hat, kann die Augen getrost vor dem Gang in den dunklen Wald geschlossen halten. Die Führer kennen den Weg zwar nicht, können aber wortreich beschreiben, wie man sich bestens verläuft.

Lachgröhlkicherkreischauf-Schenkel-schlag…..

lachgrohl.jpg

Also, Humor hat sie ja die NW. Bei der witzig-unterhaltsamen Einschätzung des eigenen Tuns.

Una festa sui Schildesche. Una bella compania

de-sia2.jpg

Es galt, den Geburtstag des ungeizigsten Schwaben zu feiern, den wir kennen. Natürlich in Schildesche, bei seinem Lieblingsitaliener De Sia (Come no!). Bei Köstlichkeiten, Wein, Wasser, Grappa entspannen sich Gespräche, wie sie derzeit wohl das Gros der Deutschen umtreibt: Finanz”krise”, Konjunktur, Bankster, die Rolle der Medien. Am Tisch neben einem brasilianischen Gast – er mag bei uns am liebsten “Malteser” – ein ehemaliger Textilunternehmer, ein Paar, das in größerem Umfang Schweine mästet, ein Reisebürounternehmer, der Schwabe sowie die bessere und schönere Hälfte mit dem Schreiber.

“Krise” wird wohl das Unwort des Jahres, neben der bescheuerten charakterlosen Rolle der Medien, deren tägliche Schwarzmalerei offensichtlich gewaltig auf den Zeiger geht. Berichte über Umsatzrückgänge, die man “irgendwie kompensiert” machten die Runde. Das Lokal summte, jeder Tisch voll besetzt, die mediterrane Grillplatte ein Volltreffer. Das Kompliment an Donato de Sia, er “koche einfach zu gut”, machte den unprätentiösen Meister der Pfannen und Töpfe und des Pizzaofens verlegen. “Grazie, molto gentile”, meinte er nur.

Es ging gegen Mitternacht, als die Compania aufbrach und die Wägen die elend lange Jöllenbecker unters Gummi nahmen. Die Auswärtigen staunten über die hochgeklappten Trottoirs zu beiden Seiten der Via Principale, die schon Kaisers gesehen hat und heute den großen alten Norden der Metropole von Mitte aus touristisch erschließt.

Ein schöner Abend. Zeitgemäße Themen. Quando ci rivediamo? (“Wann sehen wir uns wieder?”) Nachts sieht man der Königin der Brachflächen ihre Plattheit nicht an. Vom Ossidamm grüßt an aufdringlich-erleuchteten Puddingrührerwerbeschildern vorbei die trutzige Sparrenburg, der ICE nach Hannover/Wolfsburg (Fubabuli-Tabellenführer und Bayern-Bezwinger)/Magdeburg/Berlin Hauptbahnhof windet sich wie ein Lindwurm Richtung Hauptbahnhof. Irgendwo an Niedern – und Sudbrackstraße dichten sich die Zeilenschinder bereits neue Überschriften aus, das angebliche Kriegsgeschehen zu beschreiben. Was derzeit überhaupt nicht schwierig ist.

Obama hat….
Obama macht….
Obama sagt….
Obama setzt durch….
Obama flirtet mit Murkel….
Obamas Frau berührt die Unberührbare….
Obama segnet die Welt ….
Obama rettet….
Obama versetzt in Verzückung…
Obama fährt jetzt kostenlos Opel….

Was würden wir nur ohne die idiotischen Phantastereien der immer unsäglicheren Papierjournalisten und TV-Laberer machen? Ganz einfach. Der “Krise” sagen: “Leck mich am Arsch. Geh dahin, wo Du gezeugt wurdest. Aber laß uns in Ruhe”. Geht aber nicht. Die Zeilenschinder werden uns morgen Früh schon wieder Headlinen.

Es war kühl geworden. Aus dem Autoradio klang Adriano Celentanos Hit “Una festa sui prati…..”