In Wohnhäusern mit mehreren Wohneinheiten muss die Schneeräumpflicht aufgeteilt werden. So auch bei uns.
Ganz am Anfang war das höchst unfair geregelt: Jeder wurde für eine Woche eingetragen. Schneite es in dieser Woche nicht, hatte man Glück und konnte dem nächsten Nachbarn in dessen Woche schadenfroh beim Schuften zusehen.
Natürlich hielt sich diese Regelung nicht lange. Die Schneekarte wurde eingeführt.
Jetzt hat sie jeder so lange, bis er an zwei Tagen Schnee geschippt und/oder gestreut hat.
Das hat zur Folge, dass der jeweilige Besitzer der Karte beim Anblick der feinsten Schneeflocke, die sich hauchzart wie Puderzucker auf den Bürgersteig legt, hysterisch aus dem Haus stürzt und unter viel Geschnaufe und Getue eine Schneedecke von 3/17 Millimeter mit dem Besen zuleibe rückt.
Dann gibt er die Karte weiter, und der nächste Nachbar sitzt auf glühenden Kohlen. Meist hat der dann das Pech, dass es richtig schneit, und muss sich schadenfroh vom Vorbesitzer der Karte beim Schuften zusehen lassen.
Ich selbst hatte das Kärtchen mehrere Jahre hier hängen. Ein Tag stand noch aus. Mann, was habe ich das Ding gehasst. Auch, dass ich das Stück Holz, auf dem mit Filzstift ‘Schneebeseitigung an zwei Tagen’ vermerkt war, durch eine helle, freundliche Karte mit lächelnden Schneemännern ersetzt habe, hat die Beliebtheit der Karte nicht steigern können.
Einen Morgen im letzten Winter bekam ich nur durch Zufall mit, dass der Winter heimtückisch über Nacht zugeschlagen und alles mit Blitzeis überzogen hatte. Ich legte gerade im Schlafzimmer Wäsche zusammen, da hörte ich durch das offene Fenster ein erschrockenes
‘Huuuch!’ das in ein panisches ‘Huaaa!’ umschlug. Eine Nachbarin bewegte sich auf dem Bürgersteig mit Bewegungen, die von mir als Kind der Achtziger sofort als Breakdance Figuren aus der Fernsehschule von Eisi Gulp identifiziert wurden, komplett mit einem angesetzten three-sixty-Spin.
Oh je, ich musste streuen! Aber sofort! Ich rief meine Mutter an.
‘Haben wir was zum Streuen?’
‘Ja, in der Garage.’
In der Garage? Wieso ausgerechnet da? Der Weg dorthin versprach gefährlich zu sein, denn der Bürgersteig, der zur Garage führt, ist gleich zweifach abschüssig: Runter zur Hauptstrasse, und dann noch in einem 23° Winkel geneigt. Und der Parkplatz vor den Garagen ist es auch, nur zur anderen Seite. Ideale Bedingungen, um sich gepflegt den Steiß zu prellen.
Schon der normale, nicht schräge Bürgersteig erwies sich als böse Falle. In bester Joe Cocker Manier rutschte ich mit rudernden Armen bis zum Parkplatz runter und hielt mich krampfhaft und innerlich mit dem Leben abschließend an der Schranke fest, die ohnehin nie benutzt wird. Ein mitleidiger Nachbar und echter Gentleman erbot sich, das Streusalz aus der Garage zu holen, denn ich wäre nie dort angekommen.
Am nächsten Tag hängte ich die neue und verbesserte Arschkarte dem nächsten Nachbarn an die Tür und beschloss, von nun an auch mit schadenfrohem Gesicht den anderen beim Schuften zuzusehen.
Es klappte nicht so ganz. Ein feiner, kaum wahrnehmbarer Schneeschauer von vielleicht zwei Minuten, der verdunstete, ohne den Boden auch nur zu berühren, ließ den Neuinhaber der Karte hysterisch aus der Wohnung stürzen und mit dem Besen herumfuhrwerken.
Bald darauf gab er die Karte ab.
Sie ist im Umlauf, keiner weiß so recht, wo. Aber eins ist klar:
Eines Tages ist sie wieder da. Das einzige, worauf man sich verlassen kann: Tod, Steuer, Schneekarte.



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