
Kai D., Bielefelder und dienstältester deutscher SchülerzeitungsredakteurChefredakteur der BILD, liebt diese Tage im Monat. Früh steht er auf, haut noch mehr Gel ins Haupthaar, herzt Gattin Katja und die Kleinen und fährt dann unter strenger Beachtung aller deutschen Verkehrszeichen (BILD weiß, warum die da stehen) im Dienstkleinwagen R vom Daimler in die Hauptstadt Berlin oder eben mal um den Block in Hamburg. Manchmal aber auch nach Gütersklo, da gibts nämlich immer Mohnkuchen. In Berlin tischt Tante Angela “Kuchen aus Meck-Vop für den großen Jungen aus Bielefeld” auf und Stiefmutter Friede Springer hat immer einen “sssteifen Grog” für den “sympathisch-jugendlichen Kohl-Biografen” parat. Ihr verstorbener Mann, BILD-Gründer Axel-Cäsar, mochte den immer so, wenn er sich neue Revolvergeschichten für sein Käseblatt ausdachte. Auf die Mischung kam es bedröhnt an: Sex, Crime, Sensation, Schleim, Tod und Teufel, Hauptsache, die Kohle stimmte. Wer Springers “Welt” kennt, braucht sie nicht mehr zu erklären: schwarz und weiß.
Wie gesagt, Kai liebt diese Termine. Zwar lassen ihn die drei Damen immer lange draußen warten, wenn sie die neuen BILD-Themen ausarbeiten. Aber das macht ihm nichts. Kai ist das als Diener der “Großen” ja gewohnt. Manchmal darf er bei Kaiserin Angela I. aus dem Kanzlerinfenster politischen Nebel (“Seit mein Freund Georg W. Bush da rausgeschaut hat, wird das nicht mehr geputzt”) im 6. Stock gucken. “Gänsehautgefühl” erzählt er Katja Alleinzuhaus dann immer mit glühenden Wangen und betoniertem Gelhaar, wenn er das aus der Kanzlerinnenkantine mitgebrachte Restessen für die Kleinen auspackt. Wenn er dann ins Allerheiligste darf – egal ob Berlin, Hamburg oder Gütersklo – ist er immer ganz aufgeregt. Was ihm die Tanten da wohl wieder mit auf den Weg geben, ihm dem so begabten “Jungen mit dem Gelhaar” aus der westfälischen Provinz, wo die Versmolder/Peckeloher Schinken größer sind als die Köpfe der Hauptschulkinder mit NRW-Sommer-Pisapaß?
Diesmal ist die Freude besonders groß. Tante Angela hat sich das Thema “Mißbrauch von Hartz 4″ ausgesucht. Sie will ein bißchen von den Schweinereien ablenken, die in letzter Zeit Manager durch (“Hach, wat sind die doch gerisssen, die Buben”) korruptiven Zugriff so veranstaltet haben, ablenken von der NOKIA-Scheisse, die das Werk endgültig dicht machen und bereits das Werk hinter dem Ural planen, Erdogan und ihre “gewaltige Reaktion” da drauf hatten wir gestern. “Mißbrauch von Hartz 4″. Das ist das Thema vor der Hamburger Wahl um Nochkapitän Olé von B. Kai schreibt eifrig mit, spitzt den Blaustift für die ganz einfachen Worte manchmal mit den Lippen an (Dann schimpft Katja zuhaus: “Dudu, ich schreib meine Geschichten aus gespeicherten Versatztextstücken doch auch mit dem Komputta”). Allsogleich hat Tante Angela aus dem Fundus von Wolfgang S.´ens BKA-Nachforschungen schon drei Namen parat. “Arbeitsvermittler berichten: Wir werden jeden Tag betrogen”, diktiert ihm die Bertelsfrau im weißen Escada-Dress in den Block. “Hat unsere Stiftung auch festgestellt. Wir dulden sowas ja auch wohlwollend in den eigenen Reihen. Und zahlen mehr”.
Schreiben muß Kai da nicht viel. Das BKA hat hervorragend gearbeitet. Morgen werden den Deutschen vom ehemaligen Bielefelder mal wieder die Augen geöffnet. Wo kommen wir denn dahin, wenn bei Siemens, der WestLB, der IKB, NOKIA und, und, und Milliarden verschleudert werden und die politischen und beamteten Aufseher sich kaufen lassen oder tief pennen (Steinbrück sitzt im Aufsichtsrat der IKB). Das sind doch Peanuts gegen die Sorgen der Arbeitsunvermittler. “Jeden Tag werden die betrogen”, schäumt die Mächtige, das der 3-Knopfmontur fast die Halterungen springen. “Jeden Tag” und zeigt mit dem unberingten angewinkelten Ringfinger hinüber zu Klaus Wowereits Berliner Agentur, wo die Jammerer barmen. 3 Bilder wird er zeigen, aber so verstecken, das man sie nicht erkennt. Ja, Laienschauspieler aus dem Kanzleramt werden die Models. Dazu 3 Bilder von offen gezeigten Leuten, die sagen “Wozu Arbeiten? Hartz IV reicht doch”. (Ob sie das wirklich selbst sagen, ist bei BILD nicht so wichtig. Hauptsache, 8 Millionen Leser treffen vor Empörung zu spät am Arbeitsplatz ein und verpassen den Morgenkaffee und um halbzehn die furchtbaren Knoppers aus Halle/Westf. ).
Es ist schon der Hammer, wie der Kai das wieder hinbekommt. Gelernt ist gelernt und viel geholfen hat das Leben in der Metropole der Brachflächen unter der Sparrenburg und als Studi in Münster mit einer komischen Verbindung. Träumen tut er allerdings nachts heimlich mit dem Daumen im Blaustiftgefärbten Mund von was Anderem: Chefredaktor der FAZ werden. Und die tut ihm den Gefallen und passt sich inhaltlich und textlich seinen Gepflogenheiten immer mehr an: Einfache, hammermäßige Sprache. Möglichst nicht mehr als 500 Worte. Keine schwierigen grammatikalischen Konstruktionen. Nebensätze so schreiben, das sie auch was anderes bedeuten können.
Hammerjournalismus. Wer ihn einmal auf den Kopf bekommen hat, ist für das ganze Leben gezeichnet. Der “Völkische Beobachter” hat seine würdige Nachfolge gefunden. Und Blockwarte werden sich millionenfach finden. Das sitzt “in deutschem Blute”, wie ein kleiner hinkender Propagandaminister mal gebrüllt hat. Air Berlin hat übrigens die Kotztüte bei Flügen über Deutschland abgeschafft. Die Deutschen würden sie schon lange nicht mehr benutzen und sich lieber die 20 Cent Aufschlag sparen.
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