Die Deutschen und die Demokratie

Der Schrecken ist mir in die Glieder gefahren, Schrecken und Angst. Hatte ich doch immer geglaubt in einer halbwegs funktionierenden demokratischen Gesellschaft zu leben. Warnungen, die Demokratie in Deutschland sei nicht wirklich angekommen im Volk der Hacken-zusammen-Schlager, hielt ich zumindest für übertrieben. „Warte nur, da muss nur der Richtige kommen und die Massen laufen wieder grölend und Fahnen schwenkend hinter dem Rattenfänger her, bis hinein, in ihren eigenen Untergang.“ Den Deutschen ist die Demokratie von den Alliierten nach dem zweiten Weltkrieg übergestülpt worden wie ein altes, gebrauchtes Hemd, das nicht passt, viel zu groß ist. „Werden schon reinwachsen mit der Zeit!“
Sah ja auch danach aus eine ganze Weile. Die Deutschen rackerten, um ihr zerstörtes Land wieder aufzubauen und sich ein wenig Wohlstand zu erarbeiten. Sie waren brav, riefen nicht mehr „heil“, gingen in ihrer überragenden Mehrheit alle vier Jahre zur Wahl, ihre Soldaten nannten sie jetzt Staatsbürger in Uniform und fanden sich sogar immer mehr mit der Teilung ihres Landes ab.
Dann kam die Wiedervereinigung, oder besser der Zwangsanschluss der DDR an die BRD und der Deutsche entdeckte plötzlich wieder die eigene Stärke. In der verquasten Sprache der Politiker hiess es, man müsse nun seiner internationalen Verantwortung gerecht werden. Sollte heißen, ab jetzt sind wir wieder dabei, wenn es darum geht ein bisschen Krieg zu spielen. Wobei wir natürlich immer auf der Seite der Guten sind, auch wenn die Guten gar nicht so gut sind. Motto: „Und möchtest du mein Freund nicht sein, dann schlag ich dir den Schädel ein!“ Ausgerechnet die zwei Parteien, mit zumindest pazifistische Wurzeln, SPD und Grüne, brachen unter fadenscheinigen Gründen den Krieg um das Kosovo vom Zaun.
Auch ließ mich das Bild das sich die Deutschen offenbar von ihrer Führung machten am politischen Verstand meiner Mitbürger immer öfter zweifeln. Wenn die überwiegende Mehrheit der Deutschen auf die Frage, wer denn die beste Besetzung für das Amt des Bundespräsidenten sei, mit Günter Jauch antworteten, dann konnte das doch nur durch kollektiven Schwachsinn erklärt werden.
Immer öfter hörte man jetzt auch wieder, und nicht nur von dem unverbesserlichen braunen Bodensatz von Rechtsaussen, nun müsse aber endlich mal wieder einer richtig durchgreifen.
Aber das alles schienen nur kleine Fehler in einem ansonsten durchaus funktionierendem demokratischen System zu sein.
Dann kam der Tag, an dem herauskam, das der deutsche Verteidigungsminister Karl Theodor von und zu Guttenberg sich seinen Doktortitel ergaunert hatte. Das Volk wird sich entrüsten und den Hochstapler, Lügner und Betrüger mit Schimpf und Schande aus dem Amt jagen, so dachte ich. Aber genau das Gegenteil trat ein. Die breite Masse jubelte ihrem Idol weiter uneingeschränkt zu. Alles sei ja nicht so schlimm, der Mann ein guter Verteidigungsminister und schliesslich auch nur ein Mensch und Menschen machen nun mal Fehler. Dagegen wurde Presse, Opposition und Wissenschaftler, die den Rücktritt des Heilsbringers forderten auf das unflätigste beschimpft, als weltfremde Intellektuelle, Schmierenjournalisten, und vaterlandslose Sozialisten und Kommunisten. Ich war erschrocken welcher Hass aus vielen Beiträgen in Internetforen und Leserbriefen sprach. Wie viele Menschen ihre demokratische Maske fallen liessen und offen zur Jagd auf anderes Denkende bliesen. Argumente wurden als Diffamierungen des neuen „Führers“ gegeisselt und es schien als habe kollektiver Schwachsinn das gesamte Volk erfasst.
Die Führer der Regierungsparteien befeuerten Volkes Zorn aus opportunistischen Gründen. Glaubten sie doch ein klein wenig vom Glanz des fränkischen Barons würde auch sie erstrahlen lassen.
Mir fuhr, wie gesagt, der Schrecken in die Knochen. Plötzlich sah ich mich zurückversetzt in die letzten Jahre der Weimarer Republik. Die Massen waren geradezu hysterisch, hielten diesem Lügner, Betrüger und Hochstapler ohne Fragen zu stellen, die Treue. Ich fragte mich, was wäre, wenn Guttenberg, jetzt nicht nur Verteidigungsminister, sondern Bundeskanzler wäre und die Machtfrage stellen würde? Was würde dann passieren, wenn er die Leute auf die Straße triebe, wenn er sie gegen die Institution unseres Staates marschieren liesse, die Notstandsgesetze als Ermächtigungsgesetz nutzen würde? Intellektuelle, Opposition und gegnerische Presse als vaterlandslose Gesellen brandmarken und sie in Schutzhaft nehmen würde. Würden die Massen ihm folgen?
Ich habe diese Frage für mich beantwortet. Ja sie würden ihm folgen,. Sie würden Bücher verbrennen, Redaktionen anzünden und anders denkende ins Exil treiben. Sie würden das Internet zensieren, Telefone überwachen und Briefe öffnen, alles mit der Begründung, Terroristen zu jagen. Und Terroristen sind dann alle, die es wagen eine eigene Meinung zu haben und diese auch zu äußern.
Ein Gedanke lässt mich nicht mehr los: Was ist, wenn der Freiherr sich eines Tages gerufen fühlt? Wenn er zurück kommt, getragen auf einer Welle der Sympathie. Schon hört man ja Stimmen, Guttenberg müsse, nach einer gewissen Zeit zurückkehren in die Politik, man könne auf ein solches Talent nicht verzichten.

2 Gedanken zu „Die Deutschen und die Demokratie

  1. Reno Vegas

    … wenn er wieder gerufen wird, von denen, die ihn bis dahin geschoben haben, wo er bis vor Kurzem stand.

    Gleichgeschaltete Presse wurde auch schon gezeigt.

    Vielleicht war’s aber auch nur ein Test und die, die ihn gepusht haben, haben ihn auch zu Fall bringen lassen. Generalprobe, Labortest … für den wirklichen „Leader of the Pack“

  2. textexter

    Wenn ER sich eines Tages „berufen“ fühlt – wovon wir durchaus ausgehen können – werden 85% der Deutschen von Facebook und BILD beflügelt und über die Wahrheit informiert (die Doktorarbeit wurde von linken Ratten aus dem Alt68er-Lager untergeschoben) am Straßenrand stehen, ER im offenen BMW (wegen der Volksnähe und der Münchner Arbeitsplätze geht halt ein SEK aus Untertürkheim vom Daimler nicht) und rechts und links die Massen mit Fackeln in der linken Hand und den rechten Arm in einer gewissen Stellung. Die liebreizende, hochintelligente Barbiegattin neben IHM und sie werden das kreischen, was die damals auch gekreischt haben, als ER ihnen Tränen in die Augen schießen ließ. ER, der Erlöser, reloaded. Im zweiten Cabrio dahinter sitzen Elisabeth Mohn, Friede Springer und Angela Merkel. Selig, weil ihr unheilvolles Werk endlich vollendet wird von IHM.

    Für den Fall lohnt es sich sogar, in Berlusconis Land auszuwandern.

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